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X.

Landschaft vor Rom

Ich habe tief und fest hinter den Klostermauern geschlafen und wache noch vor meinem Wecker auf. In der Nacht war es so warm, dass alle meine Sachen trocken sind und ich sie wieder tragen kann. Ich gehe zum Frühstück. Es wird extra für mich um 7h15 angerichtet, denn die Heilige Messe für die Schwestern beginnt um 7h30. Es gibt Kaffee, Milch, drei Scheiben Weißbrot, Butter und Marmelade. Viel mehr braucht es eigentlich gar nicht. Ich nehme bewusst war, dass ich oftmals nur X-mal so viel esse, weil einfach auch mehr da ist. Nach dem Frühstück begleiche ich die Zimmerrechnung und erhalte den Stempel für meinen Pilgerausweis. Danach sind alle Schwestern in der Heiligen Messe.

Portal der Klosterkirche in Farfa

Ich packe zusammen und ziehe zunächst gemächlich durch die Klosteranlage. Das Portal der Klosterkirche von Farfa hat eine ungemeine Zog-Wirkung und zieht mich zu einem besinnlichen Besuch hinein. Die Innenwände sind reicht mit Fresken verziert. Da mein Blick mangels Führung nicht bewusst gerichtet wird, halte ich inne und lasse mich von der Gestaltung faszinieren. Nachdem ich mich trennen kann, mache ich mich auf den Weg nach Fara di Sabina. Ich finde die Wegemarkierungen mal wieder nicht und folge dem Verlauf der Provinz-Straße nach Fara. Immer nach oben. Wahrscheinlich hätte ich bei erstbester Gelegenheit in den Wald abbiegen müssen. So habe ich wieder den Asphalt unter meinen Füßen.

Fara liegt auf einem Hügel und die Fernsicht ist beeindruckend. Nach einem kleinen Erkundungs-Rundgang trinke ich in der erstbesten Bar einen Cappuccino. Die Barfrau bringt ihre Freude über meinen Besuch so wenig zum Ausdruck, dass sie bei mir einen eher mürrischen und lustlosen Eindruck hinterlässt. Ich bemerke, wie sich ab diesem Moment meine Lust in Fara zu verweilen deutlich verringert. Kein Vergleich zu Stroncone. Dort wurde ich freundlich im „Casa di Helena“ empfangen und ebenso freundlich bleibt mir Stroncone auch in Erinnerung. Ich zweifele, dass mir Fara ähnlich angenehm in Erinnerung bleiben wird. Ist es nicht interessant, wie sehr eine persönliche Begegnung den Gesamteindruck eines Ortes verändern kann? Beim trinken meines Cappuccino, studiere ich den Reiseführer, um einen Weg nach Montelibretti zu finden. Die Beschreibung ist eher vage und ich verlasse mich eher auf Google Maps und meine Orientierung.

Vernachlässigter Pilger Rastplatz hinter Fara

Das geht auch eine Weile gut. Ich folge einem Weg und passiere hinter Fara einen ungepflegten „Sosta del Pellegrino“ ein Pilgerrastplatz. Selbstverständlich gefällt es mir, dass diese Plätze geschaffen wurden. Allerdings wurden bei der Projektierung dieser Plätze nicht bedacht, dass sie regelmäßig gepflegt werden, damit sich die Pilger auch Jahre nach der Errichtung daran erfreuen können.

Nach Ich lasse mir doch kein X für ein U vormachen! Doch lasse ich! Denn nach meinem Reiseführer hätte ich von Fara bis Canneto nur 5 km pilgern brauchen. Tatsächlich waren es jedoch 10 km. Durch wahlweise fehlende oder uneindeutige blau-gelbe Wegemarkierungen verlaufe ich mich auf Abwegen. Zum Beispiel: Ich folge der Markierung und als es völlig mehrdeutig wird frage ich zwei Frauen die gerade im Vorgarten arbeiten. Als ich nach der „Via Francesco“ frage, schicken mich die Beiden wieder in die Richtung aus der ich gerade kam, obwohl sie von dem Weg selbst scheinbar noch nichts gehrt haben. Sie scheinen noch nicht einmal zu wissen, dass der Weg gemäß meiner Interpretation des Reiseführers direkt an ihrem Grundstück verläuft. Wie auch. Ich bin enttäuscht, denn einige meiner Wegeentscheidungen entpuppen sich als Irrwege. Nichts was sich nicht korrigieren ließe, aber es kostet jedes Mal Kraft und Energie.

Aber warum bin ich eigentlich enttäuscht? Der Reiseführer hat sein Bestes gegeben, die Frauen vermutlich auch und die für die Wegemarkierung verantwortlichen Leute ebenso. Stimmt ja alles, aber meine Erwartung ist nun mal, dass ich unmissverständlich über den Weg geleitet werde. Denn ich möchte ohne Ablenkung und Verirrung ganz bei mir sein. Deshalb mag ich mich auch nicht ständig beschäftigen mit einem Gefühl der Unsicherheit und der Fragestellung „Wie weit muss ich nach der nächsten Abzweigung wohl zurücklaufen, um wieder auf den guten Weg“ zu gelangen. Im Prinzip hat meine Enttäuschung einzig und alleine was mit mir zu tun.

Ich mag eben gerne zielführende Entscheidungen anhand klarer Fakten treffen. Und das gelingt eben nicht immer. Und dann ist da eine Traurigkeit und eine Frustration, dass es eben nicht so lief wie ich es mir vorstellte. Hier auf dem Weg kommt noch hinzu, dass meine tägliche Leitungsfähigkeit nicht unendlich groß ist, sondern ich bin irgendwann müde und erschöpft. Und bevor der Bedarf an Erholung größer ist als weiterzulaufen, wäre ich gerne an meinen Tagesziel angekommen.

In Canneto steht Europas größter Olivenbaum. Er ist nur 400m von Weg entfernt. Auf die Besichtigung verzichte ich jedoch. Ein Olivenbaum ist halt ein Olivenbaum und wenn ein Olivenbaum größer ist als der andere und einer der Größte dann ist das zwar schön, aber das kann ich mir eben auch einfach nur vorstellen, außer dieser Olivenbaum hätte Oliven in der Größe von Kokosnüssen. Aber das interessiert mich auch gerade nicht. Mich interessiert einzig und alleine wo der Weg verläuft. Ich trabe der normalen Landstraße entlang und sehne mich gerade nach anstrengenden, schweißtreibenden Pfaden durch einsame Wälder.

Am Colle d‘Amore, dem Hügel der Liebe, verirre ich mich ein weiteres Mal. Aber es ist ja auch nicht ungewöhnlich sich auf dem Höhepunkt der Liebe zu verirren. Mein Reiseführer beschreibt den Weg wie folgt: „wir gehen noch ein Stück in Gehrichtung bergauf und biegen an der sichtbaren Grenze zwischen Obst- und Olivenhain links auf einen kaum sichtbaren Pfad ab. Am Ende des Haines führen Wegspuren nach oben in Richtung eines Handymastes.“ Wen wundert es bei dieser Beschreibung, dass ich nach Acquaviva anstelle nach Montelibretti gelange? Ich bin dermaßen frustriert, da kann auch der geschenkte Apfel des Obsthändlers nicht zu einer wesentlichen Verbesserung meiner Laune beitragen. Der Himmel ist bedeckt und schwül ist es obendrein. Auch das hellt meine Stimmung gerade gar nicht auf. Als ich jedoch den aus Rieti bekannten Wegweiser nach Rom sehe, freue ich mich und meine Zuversicht erwacht, dass jetzt alles wieder gut wird.

Ich esse den Apfel und lasse mich anschließend von den Zeichen führen. Ich merke wie wichtig es mir ist, immer wieder mal ein Zeichen zu sehen, dass ich auf einem guten Weg bin. Das alles in Ordnung ist. Zumindest trägt es dazu bei, das mein Hunger nach Klarheit und Sicherheit gestillt ist. Obwohl der Weg wieder steil abfällt, er führt durch die Natur, ich höre die Vögel zwitschern, ein Bächlein rauschen und ich muss mich auf der anderen Talseite wieder anstrengen, um über den Feldweg nach Montelibretti hinaufzusteigen. Aber ich habe wieder meinen inneren Frieden, die Freude und die Zuversicht.

Altstadtzentrum von Montelibretti

Montelibretti ist ein langgezogenes Straßendorf. Ich gehe zunächst in die Altstadt. In dem winzig kleinen Zentrum steht ein Brunnen, der von vier Linden umgeben ist, mit angenehmen, frischen und kühlen Wasser. Obwohl bezüglich der Trinkbarkeit keine Hinweise sichtbar sind, trinke ich erstmal einen guten Liter zur Erfrischung. Dann halte ich meine Arme und meinen Kopf komplett unter den Wasserstrahl. Auch meine Pilgerkappe hat inzwischen wieder einen recht unansehnlichen Salzrand und ich wasche sie komplett aus, wodurch sich das Wasser merklich eintrübt.

Ich vespere ein Stück Käse, einen Schnippel Salami und eine Ecke Weißbrot. Dann entspanne ich auf der Parkbank mit einem Mittagsschlaf. Dabei stört es mich kein bisschen, dass immer wieder Autos auf dem Platz ankommen und abfahren.

Als ich wieder aufwache ist der Himmel blau und es ist merklich wärmer. Ich laufe vom alten Zentrum der Hauptstraße entlang zur Piazza, vertilge noch zwei Erdbeerjoghurt, die ich unmittelbar zuvor im Supermarkt kaufte und lasse mich um 16 Uhr in einer Bar nieder. Ich trinke ein großes Radler. Eigentlich noch zu früh, aber so ist das mit den Vorsätzen. Am Anfang meiner Pilgerreise hielt ich mich noch daran und wollte nicht vor 18 Uhr, wenn überhaupt ein Bier trinken. Doch dann kam „Eva“ und meinte ich solle doch von dem Apfel kosten, sprich bereits Mittags mal ein Willkommensbier trinken und schon waren meine guten Vorsätze dahin. Ich bin als Mann, eben nicht anders als Adam: Leicht verführbar. Und auch über diese Erkenntnis freue ich mich, denn Selbsterkenntnis ist ja der erste Weg zur Veränderung.

Torre Fiora
Römischer Aussichtsturm Torre Fiora

Es ist 18 Uhr und das Thermometer zeigt noch immer 32 Grad an. Die Luft ist frischer und ich breche auf um in Richtung Rom noch einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Ich verlasse Montelibretti und folge der ausgezeichneten Wegemarkierung, die jetzt erfreulicherweise keine Fragen offen lässt. Nach zwei Stunden wird es dämmerig.

Da entdecke ich schon den Torre Fiora, einen Backstein-Signalturm aus der Römerzeit. Dieser Signalturm gehörte zu einem Netz von Signaltürmen die bereits in der Antike der raschen Nachrichtenübermittlung durch Fackelsignale dienten. Es wäre genial dort zu übernachten und die Energie des Ortes aufzunehmen. Leider finde ich keinen Weg dorthin. Dafür finde ich einen Hinweis, dass im Gelände Vipern gesichtet wurden und Hundehalter vorsichtig sein sollten. Na das sind ja rosige Aussichten.

In meiner Vorstellung spüre ich förmlich wie mir eine 90 cm lange, glitschige Viper in meinem Schlafsack Gesellschaft leistet und bei meiner ersten falschen Bewegung herzhaft zubeißt. Das Nervengift der Viper löst bei mir Atemnot und Herzbeschwerden aus. Ich beginne ich so langsam das Bewusstsein zu verlieren und werde mit dem Kopf zuerst verschlungen. Nein! keine schöne Vorstellung und ich suche weiter nach einem Ort, der möglichst frei von jeglichen Vipern ist.

An einem Grillplatz neben einem Bachlauf werde ich fündig. Dort gibt es eine Befestigungsmöglichkeit für meine Hängematte und mich. Jetzt hoffe ich auf eine ruhige, von Vipern und Insekten freie, Nacht. Über das Lichtspiel der Glühwürmchen erfreue ich mich und schlafe beim monotonen Plätschern des Baches seelenruhig ein. Pace e Bene.

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