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Wege.

Hängematte

Ich wache erholt in meiner Hängematte auf. Die Nacht verlief erfreulich ruhig und ohne nennenswerte Störungen. Ich packe zusammen und mache mich auf den Weg. Ich versorge mich im Supermarkt von Collevecchio mit Kefir, Apfel, Birne und laufe zur Piazza, um mein gewohntes Frühstück einzunehmen.

Eine Frau fragt mich, ob ich Pilger sei. Ich bejahe und sie wundert sich, weil so früh normalerweise noch keine Pilger im Dorf seien. Sie erzählt sie wohne in Rom, betreibt hier in Collevecchio ein Agriturismo und ist für die neue Beschilderung und die Planung des Pilgerweges verantwortlich. Der Weg sei im deutschen Wanderführer ja überwiegend auf Asphalt geführt und sie verkündet mit Stolz, dass sie den Weg im Sabinerland gerne durch die Natur führen mag. Endlich habe ich zu meinen Verirrungen auch ein Gesicht.

Herausfordernde Wegeführung

Wir verabschieden uns und ich folge der Wegbeschreibung: erst gemütlich abwärts, dann durch eine Wiese. Ich schrecke ein Reh im Kornfeld auf, pilgere durch ein ausgetrocknetes Bachbett und wieder durch Brennnesseln. Dabei habe ich ständig irgendwelche Spinnennetze oder Seidenfäden von Raupen im Gesicht. Dann geht es eine Wiese hoch, die gerade vom Bauern mit einer Raupe gemäht wird. Der letzte Teil des Hangs ist so steil, wie ich es sonst nur von schwarzen Skipisten kenne. Ich kämpfe mich den Hang hinauf und freue mich, dass ich oben einen ebenen Weg vorfinde. Aufgemuntert durch den Zustand des Weges pilgere ich weiter.

Die Wegemarkierung führt mich zu einem Privatgrundstück, wo mir zwei freilaufende Hunde laut bellend den Durchlass verweigern. Verunsichert bleibe ich stehen. Ein Mann kommt aus dem Haus und ich frage, ob dies der Weg sei. Er erklärte mir, dass der Weg außen in großem Bogen um sein Grundstück verlaufen würde. So gelange ich in ein Tal, um auf der anderen Seite wieder hinaufzusteigen.

Santuario di Vescovio

Das macht mir heute keinen Spaß und denke missmutig an die Worte der Streckenführungsverantwortlichen. Als ich an einer Straßenkreuzung überhaupt keine Markierung mehr finde, laufe ich am Rand der Straße nach Vescovio, die gerade stärker befahren ist als mir lieb ist. Vescovio war früher Bischofssitz und hat eine Kirche mit romanischer Krypta, wo ich recht gut erhaltene Fresken vorfinde. Auch hier kann ich es mir nicht nehmen lassen voller Inbrunst ein Halleluja zu singen. Danach mache ich in der Bar neben der Kirche eine Rast. Es ist heiß.

Ich breche auf. Nach Selci sind es nur noch 3 Kilometer. Ich laufe weiter an der Straße entlang. Meine Aufmerksamkeit ist eher im außen, denn die Straße wird noch immer stark befahren. Der Seitenstreifen ist nicht gemäht, so kommt es für mich als auch für die Autofahrer gerade in Kurven zu Überraschungsmomenten. Ich weiche häufig ins Gestrüpp aus, um eine Kollision mit den Fahrzeugen zu verhindern. Es geht über Serpentinen nach Selci hinauf. Dort finde ich einen kleinen Altstadtkern. Eigentlich ist er gar nicht der Rede wert. Ich mache eine kurze Pause, trinke etwas und pilgere weiter. Überraschend sehe ich an einigen Häuserfassaden schön gestaltete Graffitis, während ich immer weiter ansteigend dem Verlauf der Hauptstraße folge und aus dem Ort hinaus pilgere.

Der Weg verläuft weiter auf einer Landstraße und ich gelange an einen Punkt mit sagenhafter Fernsicht. Wenn es so richtig klar ist müsste ich eigentlich schon von hier aus das Meer sehen können. Laut Reiseführer aber auf jeden Fall den Petersdom. Irgendwie verrückt, dass ich innerhalb der vergangenen 20 Tage bereits diese Strecke (ca. 500km) zurückgelegt habe.

Und dieser Weg ähnelte meinem Lebensweg. Ich startete unerfahren. War lediglich in Begleitung meiner beiden Wanderführer die zu Beginn schon unterschiedliche Ideen hatten. Dann wurde ich von Tag zu Tag selbständiger, wusste wie der Hase läuft bzw. welche Markierung mir den Weg weißt. ich lernte durch die Erfahrungen, Fehltritte und Verirrungen. Der Weg verlief mal sanft bergab, so dass ich schnell vorankam. Manchmal war er aber auch steil und steinig, wo ich jeden Schritt mit Bedacht gehen musste. Ich hatte mal mehr und mal weniger Nahrung, die ich zu mir nehmen konnte, jedoch immer Wasser zum Trinken und ein Brot zum Essen.

In manchen Momenten belohnte ich mich für das was ich geleistet habe, mit einer Mahlzeit oder einem feinen Getränk. Es traten Menschen in mein Leben, die ich begleitete und die mich ebenso begleiteten. Dafür bin ich dankbar! Manche begleiteten mich nur auf einer kurzen Strecke und andere über mehrere Etappen. Irgendwann trennten sich unsere Wege. Den Zeitpunkt der Trennung und der Entscheidung hatte ich dabei nie alleine in der Hand. Manche werde ich zu späterem Zeitpunkt vielleicht nochmal treffen, manche nie mehr wieder. Auch das gehört zum Leben dazu.

Aus Begegnungen werden Beziehungen und aus Beziehungen werden Bindungen oder halt auch nicht. In wenigen Tagen werde ich Rom erreichen und auch dieser Pilgerweg endet für mich am Grab meines Namensvetters, dem Apostel Petrus. Irgendwann wird auch mein eigener Lebensweg an meinem eigenen Grab enden. Und wenn es soweit ist, dann möchte ich alle Rechnungen beglichen haben. Dann möchte ich auch sagen können, dass ich die Dinge getan habe die ich immer mal machen wollte und ich möchte sagen könne, dass ich vielleicht dazu beigetragen habe, diese Welt an manchen Stellen zu einem schönen Ort zu machen. Aber da habe ich noch ein wenig vor mir. Auf alle Fälle mag ich sagen „I did it my way“ und es war ein guter Weg.

Mein Pilgerweg zweigt ab und fällt wieder steil in ein Tal ab. Ich wünsche mir, dass es mal ein Weg gibt, der steil ansteigt und dann kilometerlang sanft und gemütlich abfällt. Aber nein. Hier steigen die Wege steil an und fallen stark ab, so dass Muskelkraft auf beiden Wegen nötig ist. Es war mir ebenso klar, dass dieser kleine Weg wieder auf einer stark befahrenen Straße mündet. Zumindest finde ich hier die gelb-blaue Markierung wieder. An einem Abzweig bin ich bereits völlig entkräftet. Die Hitze mit über 32 Grad macht mir schwer zu schaffen. Ich stelle kurz meine Rucksack an einem schattigen Fleckchen ab und sehe: einen Maulbeerbaum.

Maulbeeren

Einer der Saarländer hatte mir davon erzählt und ich freue mich, dass ich diesen Baum nun endlich auch mal zu Gesicht bekomme. Ich pflücke ein paar und vernasche sie. Sie schauen ein bisschen aus wie langgezogene Brombeeren und schmecken süßlich. Genau mein Geschmack. Die Wirkung von Maulbeeren auf meinen Körper kenne ich natürlich nicht. Aber da lasse ich mich einfach überraschen. Ist mir auch erstmal egal, denn sie sind lecker. Ich bin dem Saarländer sehr dankbar für diesen Tipp. Es gibt so viele Köstlichkeiten in der Natur, die ich nicht kenne und freue mich, dass ich hier wieder etwas dazugelernt habe.

Jeden Schritt den ich vor dem Verzehr der Maulbeeren hinuntergelaufen bin, stapfe ich nun wieder nach oben. Es geht den Berg hinauf nach San Luigi. Die Hitze gibt mir gerade den Rest. Das Thermometer ist inzwischen auf 33 Grad gestiegen. Mit jedem Schritt wird mein Vorankommen beschwerlicher. Warum suche ich mir eigentlich nicht das nächste Agriturismo und lasse es für heute einfach sein?

Für mich ist das irgendwie eine Frage des Prinzips. Ich habe mir vorgenommen, dass ich heute noch bis Farfa kommen mag, um dort im Kloster zu übernachten. Aber momentan bin ich einfach nur unfassbar erschöpft. Alle meine Fettreserven scheine ich auf der bisherigen Stecke verbraucht zu haben, so dass es nichts mehr gibt woraus mein Körper Energiereserven produzieren kann. Die Sonne, die Hitze, die Steigung. Ich kann nicht mehr! Ach was rede ich mir da ein? Natürlich kann ich noch! Ich sehe schon Poggio Mirteto, den „Hügel der Myrte“. Aber weshalb geht der Weg erst wieder hinunter in ein Tal bevor er nach oben in die Stadt führt?

Egal es hilft nichts. Ich will weiter. Wenn das Hundegebell an jedem Grundstück zumindest ausbleiben würde. Damit komme ich gerade gar nicht klar. Es nervt. Jetzt stellen sich die bellenden Hunde auch noch vor mir in den Weg. Ich mag ich mehr, aber gleich bin ich oben, gleich habe ich es geschafft. Ich bewege mich gerade nicht, weil mein Körper Lust drauf hat, sondern nur, weil mein Geist diese Grenze gerade zu überwinden versucht. Jeder Schritt ist eine hart geführte Verhandlung im inneren Dialog. Nur so komme ich gerade mit jedem Schritt weiter nach Poggio Mirteto. Endlich im Stadtzentrum an der Piazza angekommen, lasse ich mich in der erstbesten Bar nieder und lasse Gott einen guten Mann sein. Meine guten Vorsätze stelle ich mal ganz hinten an. Jetzt gibt es erstmal ein Bier.

Zentrum von Poggio Mirteto

Obwohl ich noch weiter will kann ich mich nicht von der Bar trennen und trinke noch ein weiteres Bier, dass hier in handlichen 0,66l Pullen serviert wird. Gegen halb fünf laufe ich beschwingt weiter und entdecke erst jetzt wie lebendig es in Poggio Mirteto zugeht. Auf der Via Roma, die es wie gesagt in jedem Dorf zu geben scheint, sind zahlreiche Geschäfte und die Leute flanieren über den breiten Gehsteig.

Bei einer Metzgerei mache ich halt, um als Proviant noch ein wenig Salsiccia zu kaufen. Der Metzger lässt mich probieren. Nimmt ein Würstel teilt es durch zwei, gibt mir die eine Hälfte und futtert selbst die andere. Sie schmeckt lecker und ich nehme gleich zwei davon und zwei andere für €2,50. Das finde ich auch irgendwie nett, dass in den kleineren, inhabergeführten Läden immer recht großzügig abgerundet wird.

Obwohl ich die blau-gelbe Markierung sehe, habe ich wenig Lust auf weitere Experimente. Ich mag einfach nur noch irgendwie schnell und vor Einbruch der Dunkelheit in Farfa ankommen. So folge ich der Streckenbeschreibung von Google Maps und laufe achtsam auf der Landstraße entlang, die erfreulicherweise bergab führt. In Bocchignano wird gerade das Sabina Jazz Festival veranstaltet. In einer lebhaften Bar gönne ich mir noch eine Cola, damit ich noch ein wenig Energie für die letzten sechs Kilometer bekomme.

Kurz vor Farfa überquere ich das gleichnamige Flüsschen Farfa und denke kurz darüber nach, ob ich vielleicht dort bleibe und ein Bad nehme. Den Gedanken verwerfe ich und pilgere weiter. Nur wenige hundert Meter danach komme ich an einem Schwimmbad vorbei und habe vergleichbare Gedanken. Ich laufe weiter nach Farfa, in der Hoffnung dort einen Schlafplatz im Kloster zu bekommen. Kurz vor 20 Uhr kam ich im Kloster Farfa an und wurde zu meiner Freude von den Brigitten aufgenommen.

Abendessen im Kloster Farfa

Obwohl ich für den Preis von €35 schon besser untergekommen bin, überwiegt meine Freude über ein richtiges Bett, eine Dusche und das Waschen meiner Pilgerklamotten. Es bedurfte mehrerer Spülungen, um das Gemenge aus Schweiß und Straßenstaub aus den Textilfasern herauszubekommen. Jetzt hoffe ich einfach nur, dass die Sachen bis morgen getrocknet und wieder tragbar sind.

Nachdem meine Pilgerpflichten erledigt sind, begebe ich mich in das nahe liegende Restaurant, um meine Kohlenhydrat-Reservoirs mit ein paar Nudeln wieder aufzufüllen.

Morgen werde ich mir dann noch die Benediktinerabtei Farfa ein wenig genauer anschauen. In der ursprünglichen Anlage war sogar Karl der Große noch vor seiner Krönung zu Gast und in der Bibliothek gibt es ca. 45.000 Bände von irgendwelchen Schriften. Ich bin gespannt.

Bis Rom sind es jetzt noch drei Etappen mit einer Gesamtlänge von 65km. Da werde ich es die kommenden Tage ein wenig gemächlicher angehen. Zumal der Wetterbericht Höchsttemperaturen von 37 Grad für die kommenden Tage ankündigt.

Pace e Bene.

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