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Chillen.

Haengematte

Heute habe ich mir vorgenommen nur den Weg bis zum Manastero di Camaldoli zu pilgern. Die Anstrengungen des gestrigen Tages stecken mir noch zu sehr in den Knochen. Jeder Anstrengung sollte auch die Entspannung und die Erholung folgen. Nur so können meine Akkus wieder mit neuer Energie geladen werden und sich mein Körper an die neue Belastung anpassen. Also ist es mir heute nach Chillen. Da stelle ich mir die Frage: „Wie oft passiert es mir im Alltag, dass ich denke da geht noch was und mich überlaste ohne dabei bewusst nach innen zu spüren und festzustellen, dass eigentlich keine Kapazität mehr vorhanden ist?“

Ich verlasse meine Bleibe und gönne mir auf dem Marktplatz von Stia noch einen Kaffee. Dann geht es los stetig bergan verlasse ich Stia. Auf dem Weg treffe ich auf drei Holländerinnen. Sie werden nur die Strecke nach La Verna pilgern. Eine von Ihnen kannte die Strecke ab La Verna bis Assisi bereits, weil sie den Weg vor sechs Jahren mit ihrem Mann pilgerte. An dessen Stelle sind heute ihre Freundinnen dabei. Im nächsten Örtchen verabschieden wir uns. Die drei Pilgerinnen besuchen eine Kirche und ich pilgere weiter.

Der Weg zweigt von der Straße ab und entwickelt sich zu einem Trampelpfad. Er führt durch ein Bachbett, wird noch schmäler, so dass nur noch ein Fuß vor den anderen passt. Ich gehe sehr achtsam, denn ein falscher Schritt und ich könnte leicht am Abhang abstürzen. In diesem Fall könnte mein Fall nur von dornigen Büschen gebremst werden. Keine angenehme Vorstellung.

Kurz darauf treffe ich auf ein holländisches Pärchen, das gerade an der Ruine einer Kapelle rastet. Sie wollen auch nach Rom und werden wohl einige Etappen mit Bus und Bahn zurücklegen. Ich freue mich, dass doch noch andere Pilger auf dem Weg sind. Ich laufe weiter durch den von Büschen gesäumten Weg und komme nach Valagnesi. Eine Bank lädt mich zur Rast ein. Ich esse mein Stück Weißbrot, dass ich in Pontassieve kaufte und lese in meinem Pilgerführer. Dabei entdecke ich, dass ich vor 2 km hätte abzweigen müssen, um zur Sacro Eremo di Camaldoli zu gelangen. Ich wundere mich über meine Gelassenheit und denke nur kurz darüber nach umzukehren. Doch ich verwerfe den Gedanken noch im selben Augenblick. Ich bin begeistert, dass ich gar keine Sorge habe etwas zu verpassen. Heute ist halt Chillen angesagt.

Aus Richtung Camaldoli kommt mir eine Frau mit Rucksack entgegen. Eine Pilgerin die sich nach geheilter Krebserkrankung nun ihren Wunsch erfüllt den Franziskusweg von Rom nach Florenz zu pilgern. Sie erzählte mir ein wenig von ihrem Weg und von Wölfen die ganze Schafherden dezimieren. Deshalb seien hier auch so viele Wachhunde bei den Schafherden. Wir verbrachten die Mittagspause zusammen und unsere Wege trennen sich in entgegengesetzter Richtung.

Ich laufe weiter in Richtung Camaldoli und komme kurz darauf zu einer Schafsherde, die von vier Hunden gehütet wird. Drei der Hunde bellen und bleiben bei der Herde. Einer jedoch scheint sich für mich zu interessieren. Er verfolgt mich und schleckt über meine Wade. Ich bin froh, dass es ihm wohl nicht so sehr zu munden schien und er davon absieht kraftvoll hineinzubeißen. Ich folge dem weitern Verlauf der Schotterstraße. Als der markierte Weg von der Straße abzweigt erreiche ich nur 45 Minuten später einen hübsch angelegten Rastplatz. Eigentlich der ideale Platz um die Nacht zu verbringen, aber ich will noch weiter nach Camaldoli und es ist erst kurz vor 14 Uhr. Dennoch nutzte ich die ruhige Umgebung in diesem wundervollen, friedvollen Wald mit dem frischen Grün der Bäume und dem melodischen Zwitschern der Vögel für ein Nickerchen. Mittagsschlaf kam in den letzten Tagen eh ein wenig zu kurz.

Um 15 Uhr mache ich mich weiter und komme kurz darauf am Rifugio Asqua vorbei. Dort war eine lange Tafel mit Kuchen eingedeckt, an dem sich bereits einige Pilger und andere Gäste erfreuen. Ich grüße und laufe weiter, obwohl ich sonst einem leckeren Kuchen nur schwer widerstehen kann. Aber ich will ja nach Camaldoli, wo ich gegen halb fünf eintreffe. Camaldoli besteht eigentlich nur aus dem Kloster mit einer beeindruckenden alten Apotheke, zwei Restaurants und einem kleinen Lädchen, die aber alle irgendwie zusammengehören. Ich hole mir im Kloster meinen Pilgerstempel und gehe in eins der Restaurants, um mich mit Tagliatelle und Steinpilzen für die morgige Etappe zu stärken.

Nur kurze Zeit später gesellt sich eine deutsche Pilgerin zu mir und wir kommen ins Gespräch. Sie ist Lehrerin und gönnt sich rein präventiv diese Auszeit, um Stress und Burnout entgegenzuwirken. Die Corona-Zeit mit ständig wechselnden Verordnungen und Vorgaben durch die Ministerien hatten ihr sehr zugesetzt. Ihre Familie ermutigte sie sogar sich ihren Traum des Pilgerns auf dem Franziskusweg nach Assisi zu erfüllen.

Die drei Holländerinnen kommen auch in das Restaurant und schwärmen von der Sacro Eremo di Camaldoli. Es sei einfach ein Muss diesen Ort zu besichtigen. Gut, dass ich noch eine Nacht habe, um mich zu entscheiden wie ich die Route nach Badia Prataglia bestreite. Nach kurzer Konversation verabschiede mich, um mein Nachtlager auf dem nahegelegenen Campingplatz herzurichten. Es wird bestimmt chillig in meiner Hängematte.

Die Etappe von Stia nach Camaldoli betrug gut 18km über 740 Höhenmeter.

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