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Hinterlassen.

Franziskusststatue

Als ich um 7 Uhr aufstehe bin ich der einzige Pilger im Zimmer. Der Italiener und die Dänin sind wohl bereits in tiefster Nacht los. Ich beginne den Tag mit der üblichen Zeremonie. Das heißt waschen, Zähne putzen, Sonnencreme auftragen, Rucksack packen und checken, dass ich hier im Raum kein Teil von mir hinterlasse. Als ich die Foresteria Santa Maria Dei Servi verlasse, scheine ich der letzte Gast zu sein. Ich mache mich auf ins wenige Meter entfernt gelegene Stadtzentrum und kaufe Obst im Alimentari. Anschließend gibt es einen Kaffee und ein Schinken-Käse-Panini im „Happy Cafe“ nebenan.

Ich laufe los und verlasse Sansepulcro. Der Weg verläuft erst an ein paar ansehnlichen und mit Videoüberwachung gesicherten Vorstadtvillen vorbei, führt dann kontinuierlich ansteigend durch Olivenhaine und Weinberge. Dabei genieße ich den atemberaubenden Blick über die Tiber-Ebene. Die Strecke ist gut markiert und ich komme nur an wenigen Stellen ins Stocken. Weiter führt der Weg im Wald an einem Bachlauf kontinuierlich aufwärts. Ich genieße den Weg mit jedem Schritt. Da kann ich mal den Bach überqueren, dann sind da kleine Wasserfälle mit ausgewaschenen Becken und teilweise muss ich auf dem Pfad ein wenig balancieren, da er so nah am Abhang verläuft. Der Pfad ist teils lehmig, teils felsig.

Auf der gegenüberliegenden Hangseite sehe ich wie etwas Dunkles den Hang hinauf eilt. Etwa wieder ein Wildschwein? Oha! Bei dem Gedanken, mir käme jetzt auf diesem Pfad eine Herde Wildschweine entgegen, wird mir mulmig. Ich wäre in den Tieren in der Geländegängigkeit deutlich unterlegen. Ich klappere präventiv eifrig mit meinen Stöcken. Vielleicht hat es gewirkt, vielleicht waren es überhaupt keine Wildschweine. Ich war wieder beruhigt.

Eremo Montecasale – Kreuzgang

Bereits um 10 Uhr erreiche ich Montecasale und mache einen Klosterrundgang. Eine Schulklasse erhält gerade eine Führung durch den Padre. Der heilige Franz hat wohl öfter hier übernachtet. Genau auf die Stelle wo sein Bett war ist man recht stolz und ehrt sie gebührend. In einer Nische werden Bücher und Anhänger gegen Spende verkauft. Ich suche ein kleines Tau aus, welches ich fortan um den Hals trage.

Hilflos verlasse ich das Kloster, denn ich bin unsicher in welcher Richtung ich der Weg nach Citta di Castello verläuft. Mit der Beschreibung in dem Reiseführer kann ich nicht viel anfangen. In der Ferne erkenne ich einen grünen Pfeil dem ich vertraue und weiter aufwärts folge.

Ich freue mich total, wie ich mich innerhalb dieser Woche körperlich entwickelt habe. Der Aufstieg erscheint mir nicht mehr so anstrengend wie die Tage zuvor. Auch meine Rückenschmerzen haben nachgelassen. Während ich so pilgere, frage ich mich, was ich eigentlich mal hinterlassen will, wenn ich diesem Planeten verlasse. Ich denke es wird Zeit, dass ich mich damit auseinandersetze, denn meine Verweilzeit wird wohl nur noch 20 bis 30 Jahre betragen. Wenn ich mir überlege wie rasch die vergangenen 10 Jahre vergangen sind, ist das eine übersichtliche Zeitdauer. Meine Ersparnisse für alle Notfälle können sich meine Kinder untereinander aufteilen, aber was hinterlasse ich sonst außer den Überresten meines Körpers? Was möchte ich, dass man auf meinen Grabstein meißelt?

Der heilige Franz lebte vor 800 Jahren und seine Geschichten, seine Regeln sind seitdem lebendig. Alleine der Bruch mit seinem Vater, wo er sich auf einem Markplatz nackt auszog, um seinem leiblichen Vater alles zurückzugeben, was er von ihm hatte .

Der Gedanke bringt mich zu meinem Vater, was hat er mir hinterlassen? Zum einen sind da viele Erinnerungen, wie er mir Schwimmen beibrachte und auch Erinnerungen an meine Brüder aus erster Ehe meines Vaters. Die haben sich nicht mit einem radikalen Bruch von meinem Vater losgesagt, sonder eher langsam aus dem Leben geschlichen. Sie meldeten sich nicht mehr und reagierten auch nicht mehr auf Anrufe. Das betrübt mich. Denn es gab eine Zeit, wo ich viel Spaß mit meinen Brüdern hatte und auch alleine etwas mit ihnen unternahm. Der Mangel an Klarheit betrübt mich. Vielleicht lag es an dem Verhältnis zu ihrer „Bonus“-Mutter, die immer wieder kommentierte was die leibliche „Bauch“-Mutter wohl alles falsch machte. Apropo Bonus: Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass meine Brüder meine Mutter wirklich als „Bonus“ erlebten, obwohl sie auch meinen Brüdern gegenüber fürsorglich war.

Mein Vater war ein Mann mit Humor, der für die Familie sorgte und alles dafür gab, dass es seiner Familie an nichts fehlt. Von ihm lernte ich Schwimmen, Fahrrad fahren und zudem war er mein zuverlässiger Berater in vielen Lebensfragen. Auch habe ich von meinem Vater gelernt, dass ein Gedicht immer vier Komponenten enthalten sollte. Nämlich etwas lyrisches, etwas romantisches, etwas logischen und etwas tragisches. Als Beispiel nutzte er gerne folgenden Vers:

Zwei Mädchen jung und unberührt (das ist lyrisch.),
wandelten durch einen Rosengarten (das ist romantisch),
die eine wurde gleich verführt (das ist logisch),
die andere musste warten (das ist tragisch).

(Horst Schmitt *1928 +2007)


Ich finde es noch immer amüsant und gleichzeitig bin ich verunsichert, ob es in die heutige Zeit passt in der die Rollen von Mann und Frau anders gesehen werden als noch vor 60 Jahren. Und das ist auch gut so, denn ich wünsche mir eine Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen. Warum sollten nicht auch einmal junge und unberührte Männer romantisch durch einen Rosengarten wandeln und verführt werden?

Den heutigen Höhepunkt habe ich überschritten und die Toskana verlassen. Ich bin in Umbrien und die kommenden 15 Kilometer sollte es überwiegend bergab gehen, so dass ich meinen Gedanken wieder freien Lauf lassen kann. Ich hoffe ich kann meinen Kindern ebenfalls die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse erhalten wie die Vater-Kind-Freizeiten, das Adventsbasteln, die gemeinsame Tour durch Frankreich oder die gemeinsame Tour durch England. Vielleicht kann ich für meine Töchter auch ein Rollenmodell dafür sein, was sie von einem Mann erwarten können. Und welche Eigenschaften sie auf keinen Fall bei ihrem Partner haben wollen. Ich merke gerade, dass ich mich bei diesem Thema noch weiter austoben könnte und verzichte zugunsten meiner Reiseerlebnisse.

Es geht über eine Piste den Hügel hinunter. Ein LKW kommt mir entgegen und wirbelt trotz achtsamer Fahrweise jede Menge Staub auf. Auf meiner Haut entsteht eine Kruste aus Sonnencreme, Schweiß und Staub. Celalba ist das erste umbrische Dorf, dass ich erreiche. Nach 20km wurde es auch langsam Zeit, denn ich hoffe schon lange auf eine Bank, auf der ich meine Pause machen kann. Hinter der Dorfkirche werde ich fündig und verspeise erstmal mein Obst und mache danach ein Nickerchen.

Am Himmel stehen mindestens drei Sonnen und die Temperaturen sind bei 28 Grad. Ich mache mich wieder auf den Weg und fülle meinen Wassersack am örtlichen Brunnen auf. Es sind ja nur noch 7 Kilometer, denke ich und laufe durch die fruchtbare Ebene. Links und rechts des Weges ist überwiegend Ackerland. Die Bauern bringen Salat-Setzlinge aus. Ich laufe weiter und weiter. Meine Konzentration lässt nach und ich beginne Wegweiser zu übersehen und verlaufe mich. Ich navigiere auf meinem Smartphone meinen eigenen Weg und folge dem Verlauf der Straße. Wechselweise weiche ich den Autos oder sie mir aus. Ich bin einfach mit meinen Kräften am Ende und die 7 Kilometer sind längst gelaufen. In Titta ist eine Bar geöffnet und ich gönne mir ein alkoholfreies Bier und eine Cola, die ich erst zusammen- und dann in mich hineinschütte.

Ich breche direkt wieder auf, denn ich kann es kaum erwarten anzukommen und den Rucksack abzuschultern. Um 17:30 bin ich bei dem Monastero delle Klarisse. Genau 15 Minuten vor Pfortenschluss und erhalte gegen eine Spende von 20€ einen Pilgerstempel und ein Bett im Zweibettzimmer.

Citta di Castello - Rathaus
Citta di Castello – Rathaus

Ich freue mich erstmal über eine ausgiebige Dusche bevor ich mich zu einer Altstadterkundung von Citta di Castello aufmache. Die Highlights sind der Dom und der Rathausvorplatz. An letzterem setze ich mich in eine Bar, um das quirlige Treiben zu genießen. Am Nachbartisch war erst eine Gruppe älterer Männer, die mit einem Bier den Feierabend einläuteten. Später wechselte die Gesellschafft und eine Mädelsgruppe feierte lautstark irgendetwas mit Sekt.

Gerade entdeckte ich die Lehrerin und rufe ihr zu. Sie gesellt sich kurz zu mir und wir tauschen unsere Erlebnisse der vergangenen Tage aus. Seit La Verna hatte ich sie nicht mehr gesehen. Wir verabschieden uns und ich finde noch eine Pizzeria, um meinen Hunger zu stillen. Dabei bin ich dankbar für meinen Gesundheitszustand und meine Fitness. Ohne beides könnte ich diese Pilgerreise nicht genießen.

Was ich einmal hinterlassen werde weiß ich trotz der Strecke von 32 km mit 1.100 Höhenmetern immer noch nicht. Vielleicht rede ich mal mit meinen Kindern, wenn ich von meiner Pilgerreise zurück bin. La Verna, die umliegende Natur und der Weg haben auf alle Fälle bei mir ein Gefühl von Leichtigkeit hinterlassen.

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