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Identität.

Pietralunga

Ich stehe um 7 Uhr auf und ärgere mich über mich selbst, denn meine Pilgerkappe ist weg. Vermutlich vergaß ich sie gestern Abend im Café am Rathausplatz. Als ich aufbrach war mein Fokus wohl woanders und ich ließ sie wohl einfach liegen. Im nächsten Moment bin ich traurig, denn seit 2010 war sie auf meinen Pilgerreisen dabei und ist Teil meiner Identität als Pilger.

Nachdem ich alles verstaut hatte, pilgere ich zuerst zu der Bar, wo meine Kappe geblieben sein könnte. Auf dem Weg dorthin versorge ich mich in einer Markthalle mit einer Tagesdosis Äpfel. Danach gehe ich zur Bar am Rathausplatz, ordere einen Cappuccino und ein Croissant und frage nach meiner Kappe. Es ist wie ein Wunder! Sie wurde gefunden. Die Kellnerin fischte sie in einem Nebenzimmer aus einem Müllsack, in dem jedoch offensichtlich keine Abfälle, sondern ausschließlich meine Kappe war. Ich war glücklich, denn nun kann ich beschwingt in den Tag starten. Außerdem verschafft es mir auch wieder einmal Vertrauen in meine Mitmenschen, die eben sorgsam mit Fundsachen umgehen.

Das Tagesziel ist Pietralunga und der Reiseführer beschreibt die Strecke als eher langweilig. Dementsprechend ein guter Tag, um den Fokus mal nach innen zu richten. Gemäß der Wegebeschreibung folgte ich dem Weg aus der Stadt. Dabei habe ich meinen Fokus wohl ein wenig zu früh nach innen gerichtet und folge erstmal einer anderen als der angegebenen Ausfallstraße. Die frohe Botschaft dabei: Ich habe es noch früh genug gemerkt. Also suche ich den Weg zur Route. Ich laufe mit stetiger Steigung weiter auswärts, dann durch Olivenhaine und Weinberge. Immer der wenig befahrenen Straße entlang. Der Weg ist prima ausgeschildert, obwohl mir ein paar Kilometerangaben eher fragwürdig erscheinen. Mal laufe ich 20 Minuten in flottem Tempo und der nächste Wegweiser zeigt bloß eine um 300m geringere Entfernung an als der vorherige. Dann laufe ich 5 Minuten und auf einmal soll ich 2 km gut gemacht haben. Sehr merkwürdig. Aber ich komme voran.

Die Temperaturen sind noch angenehm und die ersten 10 km bewältige ich bereits in zwei Stunden. Noch war ausreichend Kraft in meinen Beinen. Die Stöcke sind gerade bergauf eine willkommene Unterstützung, denn sie entlasten meine Beinmuskulatur. Nach 15 km komme ich an einen Brunnen und erfrische mich. Eine längere Pause will ich zu diese Zeitpunkt noch nicht machen. Ich laufe auf der Straße mit leicht welligen Höhenprofil und erfreue mich immer wieder an den herrlichen Fernblicken über die umbrische Hügellandschaft und auch zurück auf die Berge die ich bereits hinter mir ließ.

Zur Zeit meiner Jugend gab es unterschiedliche Gruppierungen, da gab es unter anderem die Rocker, die Teds, die Punks, die Popper und die Alternativen Ökos. Die Rocker hörten Hard Rock Musik, fuhren Motorräder, trugen Motorradlederjacken mit übergezogener Kutte (Jeansjacke mit abgeschnittenen Ärmeln und einem Logo auf dem Rücken), hatten oft lange Haare und waren auch in die ein oder andere Schlägerei verwickelt. Die Teds, hörten Rockabilly oder Rock’n’Roll Musik, trugen Kleidung aus den 50er Jahren, hatten eine coole Tolle, so wie Elvis Presley und tanzten gerne zu ihrer Musik. Die Punks waren die „No Future“-Bewegung, hörten Punk-Rock, hatten oft bunt gefärbte, hochgestellte Haare, teilweise mit Irokesenschnitt, Nieten und trugen Springerstiefel. Die Popper waren meist aus eher gut situiertem Elternhaus, fuhren Motor-Roller und trugen College-Schuhe. Die Ökos waren gegen Atomkraft und gegen die Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen, sie trugen ausgemusterte Bundeswehr Parkas, ausgewaschene Jeans und hatten tendenziell längere Haare.

Wenn man sich mit einer dieser Gruppen identifizierte, kleidete man sich entsprechend, um dazuzugehören. Für jeden Außenstehenden war dann auch recht schnell klar, welche Gesinnung bzw. Einstellung jemand hatte, wenn er sich entsprechend kleidete. Ich war irgendwo zwischen den Teds und den Punks, denn ich mochte einerseits Rock’n’Roll Musik und gleichzeitig sah ich auf dem Gymnasium nur wenig Zukunft für mich. Denn mich interessierte eher das zwischenmenschliche innerhalb des Klassenverbandes als der Lehrstoff.

Heute bin ich als Pilger, als Sinnsuchender, daran zu erkennen, dass ich einen Rucksack, Wanderstiefel und Wanderstöcke trage. Ich bin unrasiert und führe ein religiöses Zeichen mit. Hier auf dem Franziskusweg das „Tau“, auf dem Jakobsweg eine Muschel.

Aber das sind ja erstmal die äußeren Erkennungsmerkmale. Wenn ich im Alltag rasiert bin und einen Anzug trage, dann würde vermutlich niemand auf die Idee kommen, dass ich als Pilger auch gerne mal draußen in der Natur unter freiem Himmel übernachte. Was mich zu der Frage bringt woher erkennen andere „Wer ich bin“ und was macht mich eigentlich aus? Abgesehen von meiner Kleidung kann jeder erkennen, dass ich aufgrund heller Hautfarbe habe, der kaukasischen Rasse zugehörig bin. Dass ich aufgrund meines Bartwuchses und meiner kurzen Haare, männlichen Geschlechts bin und somit auch Sohn, ist heutzutage ja nicht mehr selbstverständlich, in meinem Fall jedoch völlig zutreffen. Auch wenn ich nicht alles akzeptiere, was mir seit Geburt alles mitgegeben wurde, mein Geschlecht schon.

Alles andere was zu mir gehört, dass ich Vater von drei Töchtern bin, welches Wissen, welche Fähigkeiten und Talente ich habe, welche Instrumente ich spielen kann, welche Sprachen ich beherrsche, welche Glaubenssätze mich begleiten, woran ich glaube, sprich wer ich bin, lässt sich nur im Gespräch mit mir herausfinden. Genau so wie ich andere nur über ein Gespräch für mich erschließen kann. Ebenso wie es der heilige Franz gemacht hat: Über das Sichtbare das Unsichtbare erschließen.

An einem Friedhof treffe ich ein holländisches Pärchen, das gerade im Schatten der Friedhofsmauer Pause macht. Sie liefen die Strecke ab Florenz bis La Verna in 2019 und wollten im darauffolgenden Jahr weiterlaufen. Sie sagt „doch dann bekamen wir Covid“. Ich dachte bei mir „Stimmt“ irgendwie bekamen wir alle Covid. Die einen erkrankten daran, manche starben und der Rest wurde mit Einschränkungen im täglichen Leben belastet. Pieve dei Saddi, die Landkirche der Heiligen machte einen recht unscheinbaren Eindruck. Ich lief darauf zu, um meine Wasservorräte aufzufüllen und zu pausieren. Freundlich wurde ich von einem Herren begrüßt und überrascht als ich um die Ecke bog. Dort waren eine kroatische Pilgergruppe, eine Italienische und eine deutsche Pilgergruppe. Außerdem traf ich dort das Medizinerpärchen und die Lehrerin.

Es war wuselig. Alle Getränke und sogar Mittagessen gab es hier auf Spendenbasis. An diesem friedvollen Ort hätte ich auch übernachten können. Ich besichtigte die Kirche, die so ansprechend schlicht war und die Krypta aus dem 5. Jahrhundert. Dort konnte ich es mir nicht nehmen lassen ein paar Mal Halleluja zu singen. Die Akustik war phänomenal. So langsam verließen die einzelnen Gruppen den Ort und es wurde ruhig. Ich nutze diese Ruhe zu einem Mittagsschlaf und verabschiedete mich gegen 14 Uhr. Es waren noch gut 10 km bis Pietralunga und ich dachte das sei ein Klacks. Weit gefehlt, denn nach 5 km bergab stieg es nochmal kräftig an. Auf dem Weg ins Tal traf ich wieder die Dänin, die bereits zu diesem Zeitpunkt sehr erschöpft war.

Als es zum Anstieg kam, trennten sich unsere Wege, da ich in meinem Tempo den Berg hinauflaufen wollte und sie in ihrem. Nach etwas 2km hörte ich von hinten einen LKW kommen, der qualmend den Berg hinauffuhr. Ich drehe mich um und sah auf dem Beifahrersitz die Dänin, die den LKW wohl kurzer Hand stoppte und sich so die Mühen dieses Anstiegs ersparte. Mit letzten Kräften laufe ich den Anstieg hinauf, muss jedoch alle paar Meter stehen bleiben, da doch nur noch Pudding in den Muskeln war. Ich bin glücklich als ich auf der Anhöhe Pietralunga sehe. Der Richtungspfeil deutet auf einen Feldweg und verspricht das Ziel sei in 1,2km erreicht. Allerdings führt der Weg nicht auf der gleichen Höhenlinie nach Pietralunga sondern erst noch in ein Tal, so dass ich mich nun wirklich mit aller letzter Kraft ins Stadtzentrum schleppe.

Refugio Pietralunga

Ich setze mich erstmal vor die Kirche, um mich zu erholen. Noch hatte ich keine Klarheit, wo das Rifugio ist, wo ich die Nacht verbringen möchte. Google Maps gibt mir einen Hinweis und als ich auf das Gebäude zulaufe, sehe ich schon die Dänin im Garten sitzen. Ein Italiener erklärt mir wie das alles funktioniert, ich beziehe mein Bett im Mehrbettzimmer und ruhe mich von den Strapazen erstmal aus. Dann folgt das übliche Programm. Duschen, Wäsche waschen und um 18:45 den Pilgerstempel abholen und die Spende abgeben.

Da bleibt noch ein wenig Zeit zum Erkunden. Pietralunga begeistert mich. Es ist ein schönes mittelalterliches Städtchen mit lebendigen Bars, einem Supermarkt, einem Eisenwarenladen und Hotels. Hier fühle ich mich sofort wohl.

Und jetzt gehe ich erstmal zum Abendessen, um ein paar der verlorengegangene Kalorien wieder auffüllen, die auf der heutigen Strecke von 32 km über 1.000 Höhenmeter sicherlich verloren habe.

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