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Jammern.

Gubbio Stadtansicht

Heute ist einfach mal Jammern dran. Ich bin der letzte Bewohner des Herbergszimmers. Alle anderen Pilger sind schon zeitig los und ich will einfach noch nicht los. Meine Beinmuskeln sind schlapp wie Pudding und mein Rücken schmerzt wieder einmal im Bereich der Brustwirbelsäule. Meinem kleinen Zeh des rechten Fußes ist es wohl zu ungemütlich im hintersten Winkel meines Wanderstiefels und er beschwert sich mit einer Blase oberhalb des Zehennagels.

Was soll ich sagen, ich habe keine Lust loszugehen. Aber mein innerer Antreiber schreit schon: „Los jetzt! Was bist Du denn für ein elendiger Jammerlappen! Raus jetzt!“ ich rebelliere noch immer. „Komm, jetzt lass mich noch 20 Minuten in Ruhe und dann stehe ich freiwillig auf, ok?“ Deal! Das innere Gezeter hat mich so aufgewühlt, dass ich jetzt sowieso nicht mehr zur Ruhe komme und ich stehe auf. Nach dem üblichen Morgenritual, stiefele ich los und lasse mich erst noch auf ein Kaffee und ein Croissant in der nächstgelegenen Bar nieder. In meinem Pilgerführer lese ich Worte wie „ansteigend, steil, bergauf“ und will am Liebsten in der Bar sitzen bleiben. Da sich die Strecke jedoch nicht alleine läuft, überwinde ich mein Gejammer und die Vorstellung von unüberwindbaren Bergen und ziehe los.

Es geht erst über die Ausfallstraße abwärts, dann zweigt eine Schotterstraße ab, ich durchwate einen Bach bevor es auf der anderen Hangseite in Serpentinen aufwärts geht und schon wieder hörte ich das Gejammer „Menno, ich hab keine Lust auf diese Steigungen!“ Diesmal antwortet eine andere Stimme und sagt „Gell, Du wärst jetzt schon gerne in Gubbio und hättest diese ganze Strapaze schon hinter Dir, oder?“ „Ja, genau!“ antwortete ich und erhöhe mein Tempo, um diese Etappe schnell hinter mich zu bringen.

Heute treffe ich einige Pilger unterwegs. Zunächst zwei Rentner aus Augsburg. Sie entdecken gerade das Pilgern für sich und sind zunächst zwei Wochen bis Assisi unterwegs. Sie planten bereits von daheim die Strecke und buchten die Hotels. Deshalb sind sie mit leichterem Gepäck unterwegs. Durch die Ablenkung unseres Gespräches, bemerke ich gar nicht wie ich mich beim Bergaufsteigen anstrenge. Allerdings bin ich mit den Beiden auch ein wenig langsamer unterwegs. Wir treffen im weiteren Verlauf die Pilgerin vom Bodensee und das Ärztepärchen. Die beiden Augsburger benötigen eine Pause und ich pilgere alleine weiter. Unterwegs überhole ich noch vier italienische Pilgerinnen.

Ebene vor Gubbio

Vor der letzten Steigung entdecke ich die Dänin bereits von weitem an ihrem Strohhut. Sie jammert nicht direkt, sie ist einfach nur müde. Wir wechseln ein paar Worte und ich steige weiter die steile Straße hinauf, denn ich will ja zeitig in Gubbio ankommen.

Als ich auf dem Scheitelpunkt der Steigung ankomme, öffnet sich vor mir ein Blick auf die Ebene von Gubbio. Herrlich!!! Diese Aussicht ist einfach unbeschreiblich. Reihen von Zypressen stehen in unregelmäßigen Abständen und bilden doch irgendwie ein harmonisches Muster, mit Weinbergen, den Wiesen, den Olivenbäumen, alles in unterschiedlichen Schattierungen von grün. Dieses Bild lässt mein Gejammer verstummen.

Loreto – Kirche

Kurz darauf erreiche ich die romanische Kirche von Loreto aus dem 9. Jahrhundert. Auch hier lasse ich es mir nicht nehmen in der Krypta inbrünstig Halleluja zu singen und bin selbst ganz ergriffen von meinem Gesang. Unterhalb der Kirche ist ein Platz mit fantastischem Fernblick, der eigentlich zum Verweilen einlädt. Ich widerstehe und laufe weiter, denn ich mag wirklich vermeiden, dass ich in die Mittagshitze komme.

Ein paar hundert Meter vor mir sehe ich eine Neubausiedlung. Ich wundere mich, denn die Häuser erscheinen mir irgendwie klein. Auch wundert es mich, dass all die kleinen Häuser von einer Mauer umgeben sind. Was ist das bloß? Bis es mir dämmerte, dass es sich hierbei wohl um den örtlichen Friedhof handelt.

Nur wenige Kilometer weiter überquere ich eine Landstraße und entdecke rechter Hand eine Bar. Zugegeben, kann ich dieser Verlockung nicht widerstehen und lasse mich auf ein Getränk nieder. Habe ich schon erwähnt, dass mich gerade diese urigen Bars ansprechen, wo sich überwiegend nur die italienische Bevölkerung aufhält? Die Stimmung verlockt zum Verweilen, aber ich habe ja beschlossen, dass es sinnvoll ist noch nach Gubbio zu kommen.

Kurz darauf sehe ich den 72 jährigen Österreicher, mit dem ich in der vergangenen Nacht das Zimmer geteilt habe, mit einer deutlich jüngeren Frau. Beide haben sich im Schatten zu einem Päuschen niedergelassen und sind gerade im Aufbruch. Wir pilgern gemeinsam die letzten 3 km nach Gubbio, wo der Heilige Franziskus den bösen und gefräßigen Wolf bändigte. Der Österreicher beginnt das Kinderlied mit den Wölfen zu trällern:

Zwei kleine Wölfe geh’n des Nachts im Dunkeln
Man hört den Einen zu dem Andern munkeln
„Warum geh’n wir denn immer nur des Nachts herum?
Man tritt sich an den Wurzeln ja die Pfoten krumm!
Wenn’s nur schon heller wär
Wenn nur der Wald vom Sternen hell erleuchtet wär!“

Badam, badam, badam, badam, badam, badam
Badam, badam, badam, badam, badam, badam

Kalle Klang

Wir lachen, denn das Lied verbindet mich mit der Zeit als meine Kinder im Kindergarten waren.

Allein der erste Anblick von Gubbio verzauberte mich und lässt mein Herz höher schlagen. Es ist ein gut erhaltenes an den Hang gebautes mittelalterliches Städtchen. Ich weiß auch nicht weshalb mich gerade diese mittelalterlichen Städtchen so sehr in Verzücken versetzen. Vielleicht verbindet es mich mit den Erinnerungen an die Klassenfahrt in der neunten Klasse nach Rothenburg ob der Tauber. Das war meine gute Zeit des Aufbruchs, des Unbeschwerten, wo es für uns in der Klasse nur die Grenzen gab, die wir uns selbst setzten, also eigentlich keine. Ja, vielleicht ist es das. Vielleicht aber auch etwas anderes. Auf jeden Fall bin ich im Hier und Jetzt verzaubert vom Anblick Gubbios.

In Gubbio lassen wir uns auf der Piazza 40 Martiri nieder. Der Name des Platz des Platzes erinnert daran, dass die deutsche Wehrmacht 1944 als Vergeltungsmaßnahme für einen Partisanenangriff vierzig Einwohner Gubbios erschossen hatte. Mir stockt der Atem als ich davon erfahre. Von der jungen Frau, die vom Alter her meine Tochter sein könnte, erfahre ich, dass sie Konditormeisterin ist. Ich bin begeistert, denn ich sehe darin einen Job der zwar kein hohes Einkommen verspricht, aber durch geschmackliche Kreativität die Menschen glücklich machen kann. Wir plaudern noch eine Weile auf der Piazza bevor sich unsere Wege trennen.

Es ist 14 Uhr und ich habe mich für den Convento di San Secondo entschieden. Der Convent liegt außerhalb der Stadtmauern und ich pilgere dorthin. Eine Reservierung habe ich nicht. Ich suche den Eingang und klingele. Der Türöffner summt und ich trete ein. Ich betrat einen langen unbeleuchteten Gang und sehe keine Menschenseele. Ich komme mir ein wenig vor wie in der Rocky Horror Picture Show. Im oberen Stockwerk höre ich Schritte und laufe durch das Treppenhaus nach oben. Wieder lange dunkle Gänge die nur von dem Licht erhellt werden, welches die Fenster am anderen Ende des Ganges reinlassen. Ich hörte Schritte in einem anderen Gang und folge wieder meinem Gehör.

Plötzlich stehe ich vor einem älteren kleinen Männchen, das mit längeren Haaren wie Riff Raff ausgesehen hätte. Das Männlein fragt mich was ich denn hier wolle in diesem religiösen Haus. Ich antworte, dass ich ein Platz zur Übernachtung suche. Seine Frage ob ich reserviert hätte konnte ich nur Verneinen. Für weitere Konversation reicht mein Italienisch leider nicht und so gehe ich wieder eine Etage nach unten und lasse mich im Kreuzgang nieder. Ich versuche anzurufen, um nachträglich zu reservieren. Ich höre, dass es kein freies Bett mehr gibt. Das ist erstmal Pech.

So schultere ich meinen Rucksack und will gerade von dannen ziehen, als plötzlich ein jüngerer Herr mit athletischer Figur auftauchte und fragt, wer ich sei und wie ich hier reingekommen sei. Ich versuchte ihm den Prozess in meinem mangelhaften italienisch zu erklären. Also: An der Tür geklingelt, die wurde geöffnet, ich bin reingegangen und suche ein Bett. Er sagte „Uno Momento“ und rief mit seiner Stimme durch die Gänge nach der Hauswirtschafterin. Sie kommt und bestätigt, dass es noch ein freies Bett gäbe. Ich war erleichtert und folgte ihr. Zu meiner Überraschung gab es sogar ein Einzelzimmer mit Dusche und WC. Megakomfortabel! Das Beste was ich bislang als Unterkunft hatte. Ich bekomme sogar einen eigenen Schlüssel und quasi direkten Zugang. Wundervoll. Ich ruhe ein wenig, dusche und mache mich fertig für einen Stadtrundgang.

Hl. Franziskus und der Wolf in Gubbio.

Mit jedem Schritt durch die Stadt wuchs meine Begeisterung für Gubbio. Dabei darf ich natürlich nicht vergessen, dass der heilige Franz hier in Gubbio einen gefährlichen Wolf zähmte in dem er einen Deal mit ihm ausmachte: Die Stadtbewohner füttern den Wolf bis zu dessen Lebensende und als Gegenleistung sollte er aufhören, die Einwohner zu fressen. Der Deal hat geklappt und so lebten alle gemeinsam in Frieden.

Am Palazzo dei Consoli ließ ich mich in einer Bar nieder, beobachte die Szenerie, treffe nahezu alle Pilger, die mir am Tag bereits begegneten und hatte mit allen einen kurzen Wortwechsel. Ich genieße die Gemeinschaft der Pilger untereinander. Diese Gemeinschaft wächst innerhalb kurzer Zeit zu einer Familie zusammen. Es besteht Austausch, wer, wen, wann auf der Strecke gesehen hat. Als Pilger fühle ich mich nicht alleine. In den Straßen herrscht ein geschäftiges Treiben, denn es ist Festa dei Ceri, das Kerzenfest. Die verschiedenen Teams der Stadtteile laufen alle zu ihren Treffpunkten, um anschließend gemeinschaftlich im Rhythmus ihrer Trommeln durch die Stadt zu ziehen.

Und jetzt gehe ich zum Abendessen, denn mein Magen jammert und knurrt nach den gut 27km und 780 Höhenmetern.

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