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Keuschheit.

Landschaft Blick auf Gubbio

Ich wache noch vor meinem Wecker um 7 Uhr auf und erledige die übliche Morgenprozedur. Um 7 Uhr 45 verlasse ich den Convent und hinterlasse meine Spende in einer scheinbar extra für mich aufgestellten Spendenbox. Andere Gäste habe ich zumindest in dem Convent weder gehört noch gesehen. So lief ich nochmal rein nach Gubbio, wo heute das große Spektakel das „Festa dei Ceri“ stattfinden wird. Überall sammeln sich die unterschiedlichen Stadtteilgruppen, um später gegeneinander anzutreten. Allerdings wird, wie in jedem Jahr, das Team des heiligen Sankt Ubaldus, der Schutzpatron der Stadt gewinnen. Mir wird es zu trubelig und auf meinem heutigen Weg mag ich mich mit der Keuschheit einem weiteren Prinzip des Heiligen Franz auseinandersetzten.

Doch zunächst kaufe ich am frühen Sonntagmorgen in einem Lebensmittelladen zwei Äpfel und eine Ecke Weißbrot, um für die heutige Etappe meine Notration zu sichern. Bei Verlassen des Alimentari zieht bereits die erste kostümierte Trommelgruppe an mir vorbei. Ich verlasse die Stadt durch eins der Stadttore und genieße in einer Bar einen doppelten Cappuccino und ein mit Thunfisch und Artischockenherzen belegtes Croissant. Lecker! Und vor allem alles außer gewöhnlich. Danach ziehe ich weiter und besichtige vor dem endgültigen Verlassen der Stadt noch das Kirchlein Santa Maria della Vittorina aus dem 9. Jahrhundert. Davor mache ich noch ein paar Fotos von der Statue wie Franz den Wolf zähmt.

Die weitere Strecke bis Ponte d’Assi verläuft schnurgerade und leicht bergab. Außer auf den laufenden Verkehr brauche ich auf nichts zu Achten. Dabei sind meine Stöcke meine treuen Begleiter. Ich halte sie an meiner Hand. Sie unterstützen mich, wenn es bergauf geht und geben mir Halt wenn‘s mal leichter wird und ich übermütig werde.

Meine Gedanken kreisen, um die von Franziskus vorgeschriebene Keuschheit. Bei diesem Begriff verspüre ich Irritationen, denn ich beziehe die Keuschheit auf komplette sexuelle Enthaltsamkeit. Und wären die Eltern des Heiligen Franz so keusch gewesen, wie es Franziskus wohl gewollt hätte, ja, dann wäre der Franziskus ja erst gar nicht entstanden. Etwas zu verleugnen, was in der Sache unwiderruflich zu mir gehört, halte ich erstmal für problematisch, da ich damit ja auch immer einen Teil von mir verleugne oder ablehne. Ich glaube so komme ich nicht gesund durch mein Leben.

Bei Wikipedia lese ich, dass Keuschheit von dem lateinischen Wort „Conscious“ herrührt, was „bewusst“ bedeutet. Das rückt den Begriff in ein völlig anderes Licht. Ein bewusster Umgang mit Sexualität und generell mit dem Leben halte ich durchaus als sinnvoll. Sexualität eben so bewusst zu gestalten, dass alle Beteiligten davon profitieren, Spaß haben, eben mit Lust und Freude genießen und entspannen können. Damit grenzt sich nach meinem Dafürhalten auch die Keuschheit von der Wollust, einer unwillkürlichen Beliebigkeit ab, die nur das körperliche, nicht aber das geistige Bewusste einbezieht. Keuschheit im Sinne von achtsamer Bewusstheit zu verstehen, empfinde ich als durchaus erstrebenswertes Lebensziel. Wie es die Franziskaner sehen, dessen bin ich mir noch nicht so ganz im Klaren.

Ich komme an ein Bach und überquere ihn auf abenteuerliche Weise auf dicken Steinen. Das weckt meine Erinnerung an die Grundschulzeit, wo ich die Abenteuer eher beim Anstauen eines nahen Bachlaufes sah, als in den Hausaufgaben.

Kurz hinter Pont D‘Assi treffe ich wieder die zwei Augsburger Pilger, die gerade mit einer jungen Pilgerin pausieren. Wir tauschen uns kurz über die heutige Streckenplanung aus. Ab dort begleitet mich die junge Pilgerin. Sie ist sehr offen und freundlich. Wir gehen gemeinsam bis zur Einsiedelei San Pietro in Vigneto. Dort gibt es gegen einen Spende Kaffee, Wasser und eine Übernachtungsmöglichkeit. Es tummeln sich bereits einige Pilger an diesem ruhigen, beschaulichen Ort. Unter anderem die Dänin, die italienische Frauengruppe und der Italiener mit dem ich bereits in Pietralunga das Zimmer teilte. Mir ist es als Tagesziel jedoch noch zu früh und ich gehe noch einige Kilometer mit der jungen Pilgerin. Sie teilte auf dem Weg ihre aktuelle Lebenskrise mit mir und ich war sehr dankbar, dass sie mir dieses Vertrauen schenkte, obwohl wir uns gerade erst begegneten.

Bachüberquerung auf Stelzen

Der Weg führte über einen bequemen Schotterweg zu einem Bachlauf, den ich auf Betonstelzen überqueren konnte. Der Anstieg auf der gegenüberliegenden Hangseite war eher lehmig und steil. ich hatte Mühe mit der jungen Frau Schritt zu halten. Wir gelangen an eine Abzweigung, wo sich unsere Wege trennen. Ihr Ziel ist rechter Hand ein Agriturismo und mein Weg führt nach links weiter in Richtung Valfabbrica. Wir verabschieden uns in der Zuversicht eines Wiedersehens in Assisi. Bestimmt werde ich dort alle Pilger dieses, ersten Streckenabschnittes wiedersehen. Für die meisten wird in Assisi die Pilgertour auch enden.

Mein Weg verläuft bis zur Chiesa di Caprignone recht entspannt. Dann endet der Weg und fällt bis zu einer Bachlauf ab. Dort erfrischen sich gerade die zwei Saarländer die Füße. Die beiden kommen mir bekannt vor, denn ich denke ich hätte sie bereits in Citta di Castalla gesehen. Einer von Beiden braungebrannt und der andere mit einer Haarpracht wie von Jürgen Drews. Ich passiere die Beiden und laufe auf lehmigem Weg bergauf zu einem Brunnen, den der Betreiber des nahegelegenen Bauernhofes wohl zu Gunsten der Pilger eingerichtet hatte.

Ich brauche erstmal eine Pause. Erfrische mich am Brunnen, wasche meine Kappe, die inzwischen einen unübersehbaren Salzrand hat und trinke aus dem Brunnen. Ich verspüre Hunger und greife auf meine Vorräte zurück: ein inzwischen vertrocknetes Weißbrötchen und Pecorino. Die zwei Saarländer kommen ebenfalls zur Erfrischung und wir kurz ins Gespräch. Sie laufen weiter und ich lege mich auf die Bank, um zu ruhen. Ich mag mich erholen und Kräfte sammeln, um weiterzukommen.

Nach meinem typischen 20 Minuten Powernap laufe ich weiter Richtung Biscina, wo ich auf eine Bar hoffe. Die Hoffnung wurde recht schnell von Jamie aus Vancouver zerstört. Er kommt mir entgegen und sagt, dass Biscina ein ganz verlassener Ort sei und die Bar wohl auch am Sonntag Nachmittag geschlossen sei. Aber ich könne dort sicherlich in der alten Burg mein Zelt aufschlagen. Mein Traum von einem gemütlichen Feierabendbier platzt in diesem Moment und ich richte mich auf einen einsamen Abend in meiner Hängematte ein. Als ich in Biscina ankomme, stand die Tür eines Gebäudes offen. Das gibt mir gerade Hoffnung, dass es mit der Versorgung vielleicht doch nicht so eng werden würde wie gedacht. Ich laufe auf die Türe zu und sehe wie die beiden Saarländer gerade mit der Inhaberin um ein Zimmer feilschen. Weiter war eine Theke im Raum und es gibt auch Bier.

Die kommenden zwei Stunden verbringe ich mit den beiden Saarländern, die beide bereits jenseits der 60 waren. Wir tauschen uns über Themen wie Vorruhestand, unsere Trennungen, den Jakobsweg und das wundervoll entspannte Leben in Italien aus. Es ist ein geselliger, lustiger Nachmittag. Von der Hilfsbereitschaft der Herbergsmutter sind wir alle begeistert. Selbst als ich mich von den Beiden verabschiede und noch ein wenig sitzen bleibe, um meine Notizen zu verfassen, spricht sie mich an und gibt mir unaufgefordert das Wifi Kennwort. Ich mag Menschen, die einfach sehen, was ihre Mitmenschen so brauchen, um ihnen unaufdringlich Unterstützung anzubieten.

Ich werde jetzt weiterziehen, um den Abend in keuscher Bewusstheit in meiner Hängematte zu verbringen und Kraft für die mit 15km kurze Etappe nach Valfabbrica zu sammeln. Dabei bin ich dankbar für die Hilfsbereitschaft und die Gemeinschaft der Pilger die alle ihr Päckchen tragen.

Pace e Bene.

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