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Liebe.

Ruine

Mein Nachtlager schlage ich im Hof der nahegelegenen Burg bzw. Burgruine auf. Das Gebäude selbst ist noch recht gut erhalten und es hat den Anschein, als hätte man vor längerer Zeit umfassende Renovierungspläne verfolgt. Aber nachdem Dach und Decken geflickt wurden, schien entweder Lust oder Geld oder beides ausgegangen zu sein. Ein Hase hoppelt mir entgegen. Ich suche mir eine Ecke, die zumindest einigermaßen frei ist von Ameisen und Glasscherben. Obwohl ich mit den beiden Saarländern bereits zwei Bier getrunken hatte, so öffne ich eine weitere Flasche. Dazu verzehrte ich ein paar Sardellen und Weißbrot und habe bald die nötige Bettschwere.

Ein paar Fledermäuse flattern umher und es entsteht eine gespenstische Stimmung. Noch bevor es stockfinster ist, krabbele ich in meinen Schlafsack und komme sogleich zur Ruhe. Um 1h wache ich das erste Mal auf. Ein Uhu macht auf sich aufmerksam. Es knackst und knarrt aus unterschiedlichen Ecken. Nach einer Weile komme ich wieder in den Schlaf und träume von Festen, die hier vielleicht mal gefeiert wurden. Um 4 Uhr höre ich in regelmäßigen Abständen ein lautes Quieken, das irgendwo aus einem der oberen Stockwerk zu kommen schien. Ich habe zwar gerade keine Todesangst, aber ein mulmiges Gefühl macht sich dennoch breit. Wo ist meine Taschenlampe? Ich finde sie und leuchte das Gelände aus. Ich erkenne nichts, dafür verstummt dieses laute helle Quieken. Kurz darauf höre ich das Knarzen eines rostigen Scharniers, was mein Gefühl nicht verbessert.

Wenn jetzt jemand bei mir wäre der mir die Angst nehmen könnte. Eine der Kräfte die hilft die Angst zu überwinden ist die Liebe. Selbst wenn diese Person den Angriff eines Wolfes oder einer Rotte Wildschweine nicht abwenden könnte, so kann eine geliebte Person immerhin helfen, das Gefühl der Angst zu überwinden. Problematisch dabei ist, dass wenn ich gefunden habe, das mir hilft meine Angst zu überwinden, entsteht eine neue Angst. Nämlich genau das wieder zu verlieren. Das ist schon vertrackt. Selbstliebe oder der Glaube an die Liebe Gottes kann auch helfen, um die Angst zu überwinden. Ich versuche es genau jetzt mit Beidem und komme wieder zur Ruhe.

Aber was ist Liebe überhaupt? Als Gefühl sicherlich dieses aufregende Gefühl, wenn sich im Gehirn ein toxischer Mix aus unterschiedlichsten Hormonen bildet, der die Kontrolle über Sinn und Verstand verlieren lässt. Irrtümlicher Weise wird ja auch von „Liebe machen“ gesprochen, aber das bezieht sich wohl eher auf die körperliche Begierde, die dazu führt, dass die Menschheit nicht ausstirbt. Da kommt es schon mal schnell zu Verwechslungen.

Das menschliche Bedürfnis nach Liebe besteht aus dem tiefen Wunsch heraus für einen anderen Menschen wichtig zu sein. Und eben von diesem auch gehört und gesehen zu werden mit allen seinen Sorgen und Nöten. Die Idee des Glaubens an die Gottesliebe erfüllt vermutlich genau dieses Bedürfnis. Für Gott bin ich wichtig. Er liebt mich so wie ich bin und ich kann ihm alles anvertrauen. Das macht für mich Sinn und gleichzeitig merke ich, dass meine Gedanken dazu noch ein wenig unsortiert sind. Aber ich denke die Richtung stimmt.

Langsam kommt die Morgendämmerung und die Vögel zwitschern. Um 6h30 wache ich wieder auf und packe zusammen. Ich gehe zurück zu der Bar und warte, dass sie um 7h30 öffnet. Es ist angenehm ruhig hier oben. Die Herbergsmutter kommt um 7h28 und öffnet pünktlich. Es wird zwar ein Frühstück serviert, ich entscheide mich jedoch für einen Cappuccino und ein Stück Rührkuchen. Beides zusammen für 4€. Als ich fertig bin, erhalte ich noch meinen Stempel und pilgere los.

Die heutige Etappe ist eher anspruchslos. Es geht überwiegend auf einer Schotterpiste bergab. Dann weiter am Hang entlang ein wenig rauf und runter, über Bachläufe hinweg und letztlich auf die Straße oberhalb des Lago di Valfabbrica mit einer überdimensionierten Staumauer. Auf dem Weg liegt eine kopflose Schlange. Es gibt einen Abzweig nach Coccorano, wo der Weg aufwärts zu einem Pilgerkreuz vorbeigeführt wird. Ich habe heute keine Lust auf unnötige Steigungen und pilgere auf der nahezu unbefahrenen Straße oberhalb des Stausees. Ich komme zügig voran und gelange noch vor 11 Uhr nach Valfabbrica.

In der ersten Bar im Zentrum lasse ich mich nieder und trinke einen Kaffee und ein Wasser. In Valfabbrica ist zwar wenig los, aber das ist genau das wonach mir der Sinn steht. Vor der letzten Etappe nach Assisi noch mal den Tag genießen und frische Kraft schöpfen. Das ist die Idee des heutigen Tages. Natürlich käme ich noch weiter bis Assisi, aber das mag ich für heute nicht. Während ich so sitze und sinniere, kommt die Münchnerin mit einem Italiener vorbei. Sie gesellen sich zu mir und ich bitte den Italiener nochmal im Casa Bettania anzurufen. Als ich dort anrief verstand ich zwar, dass es freie Zimmer gibt, konnte jedoch mangels Telefonverbindung und mangelhafter Italienischkenntnisse die Einzelheiten, also wie das Bett und ich zusammenkommen nicht verstehen. Er kam leider auch nicht weiter.

Es kamen immer mehr und mehr Pilger. Alle die ich in den vergangenen Tagen getroffen hatte kamen hier zusammen. Die Saarbrücker, die Norddeutschen, die Tübinger, die Augsburger und noch einige Italiener und Pilger die ich zwar nicht getroffen hatte, die jedoch mit den anderen bekannt waren. Es ist sehr gesellig.

Langsam mache ich mir jedoch Gedanken über mein Nachtquartier. Ich werde unruhig, vor allem da ich bereits einige Absagen erhalten habe. Von den Saarländern spricht einer fließend italienisch und wir klappern gemeinsam alle Herbergen ab. Bei meiner ersten Wahl dem Casa Bettania kommen wir unter. Drei Nonnen kommen um 15 Uhr angefahren und zeigen uns die Zimmer. Ich freue mich, über die Dusche und ein Mittagsschläfchen. Danach gehe ich zurück zu der Bar und treffe natürlich wieder alle Pilger. Wir verabreden uns für heute Abend zum gemeinsamen Abendessen. Ich bin gespannt.

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