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Mitte.

Graffitti Assisi

M steht im Alphabet in der Mitte und ich pilgere heute zur Mitte meiner Pilgerreise: meinem Zwischenziel Assisi. Dort wurde der Heilige Franz geboren, dort hatte er mit seinem Vater gebrochen und bereits zwei Jahre nach seinem Tod begann dort der Bau der Basilika über seinem Grab. Am Morgen treffe ich wieder zahlreiche Pilger in der Bar. Ich genieße einen Cappuccino und ein Croissant und ziehe los, denn ich mag den 16 km langen Weg und mit den ersten Steigungen der insgesamt 630 Höhenmetern in Ruhe und in meinem Tempo alleine genießen.

Valfabbrica verlasse ich an einer Mauer mit Graffitis, welche Szenen aus dem Leben des Franz darstellen. Bald geht es in den Wald und schon wird es steil. Jeder Schritt wird von Vogelgezwitscher und dem Geplätscher des Baches melodisch begleitet. Noch ist die Luft angenehm temperiert und sauerstoffreiche, so dass ich gut vorankomme.

Beim Aufstieg sinniere ich über Zwischenziele, Lebensziele, die Bedeutung dessen was ich habe, was ich eben bin und was von beidem erstrebenswert ist. (Beispiel: „ich habe Kinder.“ ist eine andere Aussage als „ich bin Vater.“) Ich erinnere mich dabei an ein Gespräch auf dem Weg. Als der Bekannte eines Mitpilgers erfahren hatte, dass er den Franziskusweg laufen wird schwärmte der Bekannte, dass dies sein Lebensziel sei: Einmal den Franziskusweg zu pilgern. Ich wunderte mich und fragte weshalb er es dann nicht einfach macht? Die Antwort liegt auf der Hand: Wenn das Lebensziel erreicht ist, was kann dann noch kommen?

Ähnliches hatte ich erlebt. Mein Lebensziel war es mit dreißig mit einer Familie ein eigenes Haus mit Garten zu bewohnen. Das Ziel habe ich erreicht und mit meinem dreißigsten Geburtstag begann nicht nur ein neues Lebensjahrzehnt sondern auch meine Krise. Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Was kann jetzt schon noch kommen? Diese Krise dauerte zehn Jahre und es entstand eine Fantasie, dass ich meinen vierzigsten Geburtstag wohl nicht erreichen werde. Rückblickend freue ich mich total, dass ich den vierzigsten und inzwischen sogar den fünfzigsten Geburtstag erreicht habe und ich diese Krise überwunden habe.

Die Zeit nach meinem vierzigsten Geburtstag ist für mich geschenkte Zeit und daraus resultiert Freiheit und Autonomie. Vielleicht war ich ein wenig zu autonom in meiner Lebensmitte. Einerseits einer Zeit eines neuen Aufbruchs, eine Revolution die mein Leben in vielen Schattierungen veränderte. Scheinbar benötigen radikale Änderungen auch radikale Brüche. Eben so wie bei Franziskus, der radikal mit seinem Vater brach, um umzubrechen, um ein neues Leben in Armut zu beginnen. Manches geht einfach nicht schleichend oder scheibchenweise, sondern nur auf einmal am Stück.

Auf dem Weg ist mir nochmal bewusst geworden, dass es mir nützlicher erscheint, individuelle Ziele zu entwicklen und zu erreichen. Welche Art von Mensch möchte ich sein, wie möchte ich mit meiner Mitwelt umgehen, wie möchte ich mit Geld umgehen, etc. Fürsorglich und wertschätzend für Andere da sein und mich selbst dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich denke, dass ist für mich ein attraktives Lebensziel.

Entlastung am Pilgerkreuz

Ich sammele ein Stein auf und trage ihn in der Hand der Berg hinauf. Am Pilgerkreuz, dem höchsten Punkt der heutigen Etappe, entledigte ich mich eines Steins. Ein symbolisches Ablegen einer Last, die ich mit mir herumtrage. Das mich zum nächsten Punkt bringt. Welche Lasten schleppe ich denn im Leben mit mir herum und was hindert mich daran mein Lebensziel umzusetzen?

Am Pilgerkreuz werden Glücksgefühle wach, denn in der Ferne kann ich bereits die Basilika in Assisi sehen und mein Zwischenziel ist in greifbarer Nähe. Ich treffe die dänische Kindergärtnerin wieder. Ihr wurde auf dem Weg bewusst, wie wichtig ihr die Zugehörigkeit zur Gruppe der Pilger ist. Und das erfreut sie so sehr am Pilgern. Alle Pilger begehen den Weg mit ihren Themen. Die Gespräch sind eher tiefgründig, bedeutungsvoll und berührend. Zumindest mit den meisten Pilgern. Und dabei ist es völlig unabhängig, ob da eine Unternehmensberaterin, eine Ärztin oder ein Facharbeiter auf dem Weg sind. Die Themen, wie Leben gestaltet werden kann, wo die Quellen der Inspiration stecken sind bei nahezu allen identisch.

Meine Ankunft in Assisi 24.05.2022

Als mich die Münchnerin in der Pause einholt, gehen wir die restlichen Kilometer nach Assisi gemeinsam. Ins Gespräch vertieft, haben wir wohl eine wesentliche Markierung übersehe und irrten durch eine Talsenke. Wir laufen wieder zurück, gelangen auf den richtigen Weg und steigen die letzten Meter gemeinsam mit der Dänin die steile Asphaltstraße nach Assisi auf. Nach Durchschreiten der Stadtmauer stehen wir vor der Basilika San Francesco. Ich bin glücklich und freue mich, dass ich das Zwischenziel Assisi erreicht habe.

Auf dem Weg in die Basilika entdecke ich das Pilgerbüro und erhalte einen weiteren Stempel und die Pilgerurkunde für mein Zwischenziel. Bei Verlassen des Pilgerbüros werden ich von Bruder Thomas aufgefischt. Er ist Franziskaner und für die deutschsprachigen Pilger in Assisi zuständig. Er lädt uns für 16 Uhr zu seiner deutschsprachigen Führung ein. Wir danken, machen eine erste Erkundung in der Basilika und setzen uns nochmal auf eine Bank. Es tauchen nach und nach die anderen Pilger auf. Ich freue mich, alle nochmal wieder zu sehen. Wir verabreden uns für 19 Uhr auf der Piazza Comune.

Ich habe noch kein Zimmer und telefoniere mich durch die kirchlichen Unterkünfte. Leider sind diese alle belegt. Für heute zumindest, morgen sei noch alles frei, aber heute leider nicht. Ich bin frustriert, dass kein Bett mehr für mich frei ist und mag auch nicht mehr so viele Unterkünfte abtelefonieren. Ich buche über Booking.Com die Unterkunft mit dem besten Preis-Leistungsverhältinis für die kommenden beiden Nächte. Hier in Assisi mag ich nicht einfach nur durchhetzen sondern gemütlich verweilen, die Stimmung auf mich wirken lassen und weitere spirituelle Orte in der Umgebung erkunden. Ich buche Camere Mariani Marini für 70€. Eine schlichte, aber saubere Unterkunft mit Ausblick über die Ebene. Leider ohne Frühstück, aber das macht mir nichts aus, denn aufgrund der zentralen Lage sind zahlreiche Bars schnell zu erreichen.

Franziskaner Bruder Thomas und ich

Ich suche die Unterkunft auf, wasche meine Wäsche, dusche, mache noch einen kurzen Mittagsschlaf und eile zur Basilika, damit ich die Führung auf keinen Fall verpasse. Da hätte ich auch wirklich was verpasst, denn Bruder Thomas aus Speyer hat in feinstem Pfälzer Dialekt über eine Stunde lang anhand der Wandbilder der Kathedrale die Botschaft von dem heiligen Franz verkündet. Es war sensationell und hat mich in meinem Verständnis weitergebracht als hätte ich es mir selbst erschlossen. Anhand des Evangeliums die Schöpfung und den Schöpfer vom Sichtbaren ins Unsichtbare ergründen. Die Führung von Bruder Thomas war frei von religiösem Schnickschnack und ich erhielt ein lebendiges Verständnis von den Ideen des heiligen Franz und der Bildsprache der mittelalterlichen Malerei. Eine wahre Quelle der Inspiration, die mein Verständnis von Armut, Gehorsam und Keuschheit vertiefen.

Am Abend trafen sich der harte Kern des Pilgergrüppchens um 19 Uhr an der Piazza. Wir tauschen uns aus und verabschieden die Saarländer die bereits morgen weiter in Richtung Rom ziehen werden. Wir feiern, dass wir uns begegneten, trauern, dass wir uns verabschieden und feiern die gemeinsam Zeit der gegenseitigen Bereicherung. Der Abend klingtin der Pizzeria Othello direkt am neben dem Geburtshaus von Franz aus. Zufrieden gehe ich zurück in meine Unterkunft und schlafe in Frieden.

Pace e Bene.

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