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Offenheit.

Stadtansicht Trevi

Ich bin früh wach und verlasse bereits um 7 Uhr meine Unterkunft. Ich verlasse Assisi über den schnurgeraden Weg zur Basilika Santa Maria Degli Angeli. Wenn ich meinem Reiseführer trauen darf ist es sogar eine der größten Kirchen der Welt. So groß, dass in der Vierung unter der Kuppel ein kleines Kirchlein Platz findet. Soweit ich weiß ist der heilige Franz hier gestorben und wollte auch hier beerdigt werden. Doch der Papst hatte anders entschieden.

Ich genieße in einer Bar gerade noch einen Cappuccino, ein Schinkencroissant und einen Saft, da sehe ich die Münchnerin auf dem Weg zur Kirche. Ich winke ihr zu und sie zeigt sich überrascht, weil sie mich so früh nicht hier erwartet hätte. Wir wechselten ein paar Worte, dann besichtigt sie die Basilika. Als ich mit meinem Frühstück fertig bin, endete auch ihre Besichtigungstour. Wenige Meter gehen wir noch gemeinsam bevor wir uns herzlich und endgültig verabschieden. Sie pilgert zum Bahnhof und ich weiter in Richtung Rom.

Meine Etappe verläuft überwiegend eben. Denke ich zumindest bis ich in Rivereto eines besseren belehrt werde. Zumindest bis dahin komme ich mit meinen Stöcken zügig voran. Als ich einen älteren walkenden Herren überhole sagt er, das rhythmische Klackern meiner Stöcke klänge so, als würde ihn ein Traktor überholen. Gleichmäßig und zügig komme ich voran. Hinter Rivereto führt mich eine steile Straße unter meinem leisem Jammern den Hang hinauf. Oben angekommen pilgere ich auf einem Panoramaweg mit Blick über die vor mir liegende Ebene. Erst laufe ich auf einer Nebenstraße, dann auf Schotterwegen. Immer oberhalb der Superstrada, dessen Verkehrslärm so laut ist, dass er selbst das Klackern meiner Wanderstöcke übertönt. Ich bin genervt, denn ich wünsche mir Ruhe, um den Weg zu genießen.

Bei meinem konstanten Tempo erreiche Spello bereits um 11h30. Ein blühendes Städtchen mit mittelalterlichem Charme. Eigentlich ein Ort zum Entdecken, Verweilen und Wohlfühlen. Doch mir war heute eher nach Strecke zurücklegen als nach mittelalterlicher Stadterkundung. Irgendwie will ich auch den Abschied verarbeiten. Alle Pilger die ich in den vergangenen Tagen traf, die so herzlich offen waren, über die Begegnungen die mich jedes Mal erfreuten, wenn ich sie auf der Strecke oder im Ziel sah. Sie haben ihre Pilgerreise in Assisi beendet und sind bereits auf der Heimreise.

Ich bin selbst erstaunt, dass innerhalb so kurzer Zeit aus mehrfachen, flüchtigen Begegnungen diese Verbundenheit entsteht. Ich glaube, weil sich die Pilger unabhängig von Berufsbild, Status, Einkommen, Alter und Geschlecht offen und authentisch in Augenhöhe einander begegnen. Pilger hören mit Aufmerksamkeit den anderen zu. Alle Pilger sind vereint durch ihre individuelle Erfahrung auf dem Weg. den jeder mit seiner Last in seinem Tempo begeht. Ich glaube, wenn sich die Menschen im Alltag so begegnen würden, wie sie sich als Pilger begegnen, wäre die Welt ein friedlicherer Ort.

Über eine Nebenstraße die parallel zur Superstrada geführt wird gelange ich bereits eine Stunde später nach Foligno. Hier verkaufte Franz auf dem Markt die Stoffe seines Vaters, um die Renovierung von San Damiano zu finanzieren. Leider erscheint mir Foligno wenig attraktiv. Ich verbringe hier meine Mittagspause mit einem erfrischenden Weizenbier an der Piazza und ziehe beschwingt weiter. Beschwingt bis ich die Hauptverkehrsstrasse erreiche, an welcher der Weg verläuft. Wieder bin ich genervt.

Das Thermometer steigt auf 32Grad und bergauf quält mich jeder einzelne Schritt. Mein Tempo lässt mit zunehmender Temperatur und der Menge an gelaufenen Kilometer stetig nach. Aber ich habe mich ja bewusst für eine lange Etappe entschieden und mir hätte klar sein können, dass dieser körperliche Schmerz kommen wird. Vielleicht wird es dadurch leichter den seelischen „Schmerz“ des Abschieds von den anderen Pilgern zu überwinden.

Piazza in Trevi bei Nacht.

Ich bin 4 km vor Trevi. Die Fußsohlen brennen vom Laufen auf dem heißen Asphalt. Nach einer Steigung blicke ich zurück. Assisi ist am Horizont nur noch schemenhaft zu erkennen. Ich erreiche eine Bar und entscheide mich zu einer kurzen Erfrischungspause und hoffe durch eine Cola und ein Radler meine Energiereserven ein wenig aufzufüllen. Ich laufe weiter, der Weg steigt weiter an. Auf einmal lese ich nach dem Schild mit der Kilometerangabe Trevi 2km plötzlich 3,2km. Ich bin verzweifelt. Egal, jede Form der Jammerei hilft mir jetzt nicht mehr. Auch nicht auf der steilen Rampe über welche ich eine ebene Straße und auch Trevi erreiche. Am Ortseingang gibt es ein wundervolles Panorama von Trevi.

Und wer taucht am Horizont auf? Die zwei Saarländer. Sie sind die Etappe mit einer Übernachtung in Spello in zwei Tagen gelaufen. Die Freude ist groß und wir haben beim Apero und beim Abendessen eine gesellige Zeit verbracht. Die Frage nach meinem Nachtquartier ist noch offen. Darum kümmere ich mich als Nächstes und da bin ich für alles offen. Pace e Bene.

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