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Qualen

Landschaft

Erstmal frühstücke ich im Kloster und bin angenehm überrascht, denn es gibt Saft und Joghurt. Ich habe noch keine Idee welche Route ich heute wähle. Heute Mittag ist ein Gewitter vorhergesagt und ich habe keine Lust, bei Regen triefend nass durch die Wälder zu stapfen ohne Perspektive auf Unterstand oder trockene Unterkunft. Einfach in der Ebene von Dorf zu Dorf laufen erscheint mir jedoch todlangweilig, obwohl die Route vielleicht sicherer aber auch länger ist.

Nach langem hin und her entscheide ich mich für die Route über das Kloster in Monteluco, also erstmal hoch auf den Berg. Obwohl die Temperaturen angenehm sind, quäle ich mich die Serpentinen des Waldweges hoch. Ich schwitze so sehr, dass meine Kappe den Schweiß nicht mehr aufnehmen kann. Tropfen für Tropfen rinnt mir von der Stirn über die Brillengläser und schließlich am Nasenflügel vorbei in meinen Mund. So kann ich mich schon mal einstimmen, was mich bei Regen erwarten wird. Die Entfernungsangaben irritieren mich. Sie scheinen sich auf die Luftlinie zu beziehen, denn von Schild zu Schild erkenne ich kaum, dass ich meinem Ziel näher komme.

Klosterzelle aus dem 13. Jahrhundert

Kurz vor dem Kloster komme ich durch einen heilig anheimelnden Zauberwald. So einen Wald wünsche ich mir irgendwann an meinem Tagesziel! Ich besichtige das Kloster. Die spartanischen Zellen wurden auch von Franz und seinen Brüdern bewohnt. Später auch einmal von Michelangelo. Ein wundervoller, ruhiger Ort, der Kreativität und Inspiration fördert. Denn die entsteht nicht in einem lärmenden Umfeld und einer Fülle von äußeren Reizen.

Egal was jetzt noch kommt. Ich bereue es schon jetzt nicht, dass ich diese Route wählte. An einem Kiosk trank ich noch einen Cappuccino und eine Cola bevor ich mich aufmache nach Ceselli. Der Weg ist erstklassig beschildert und ich habe in keinem Moment Zweifel bezüglich der Streckenführung. Ein blonder Jüngling mit freiem und durchtrainierten Oberkörper kommt mir entgegen. Wir grüßen uns und kommen kurz ins Gespräch. Er heißt Sam und lebt in Australien. Er kam extra zur Hochzeit eines Freundes nach Italien. Unsere Wege trennen sich wieder und ich pilgere weiter. Erst auf breiteren Waldwegen, dann auf einem schmalen, gerölligen Pfad am Steilhang.

Die Aussichten rauben mir fast den Atem. Stellenweise wünschte ich mir ich sei ein Vogel und könnte jetzt direkt ins Tal gleiten. Beim nächsten Schritt holt mich die Realität ein, denn der wechselweise steinige und lehmige Boden ist rutschig. Dank meiner Stöcke kann ich mein Schlingern abfangen. Ab sofort laufe ich ein wenig achtsamer. Dennoch wirkt der ein oder andere Stein auf meine Wanderstiefel als wären es Rollschuhe. Die Strecke erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Nur ein falscher Schritt und ich stürze wahlweise den Abhang hinunter oder mein Knie zerschellt an einem der dicken Steine. Beides keine angenehme Vorstellung und so versuche ich ein Tempo zu finden bei dem ich sturzfrei sicher vorankomme.

Hinter mir höre ich Stimmen und kurze Zeit später donnern drei Mountainbiker an mir vorbei. Für mich unvorstellbar diesen schmalen Pfad zu radeln. Naja, der Letzte in der Gruppe ist sich seiner Sache wohl auch nicht so sicher und steigt stellenweise ab.

Ich komme an einen kleinen Wasserfall. Noch bevor mir der Gedanke kommt, mich dort zu erfrischen, kommt eine Gruppe Italiener. Jeder hat einen Rucksack, die meisten auch ein Kletterseil, einen Neoprenanzug und auch einen Helm. Ich vermute es sind „Canyoninger“, die gleich dem Lauf des Wassers folgen werden.

Ich folge dem Weg und habe noch weitere Begegnungen mit Canyoningern und auch Canyoningerinnen. Eine hält ein Speiseeis in der Hand, was meine Hoffnung auf die Nähe zur Zivilisation steigen lässt. Noch wenige Male kann ich Ausrutscher vermeiden, dann erreiche ich eine Straße über die ich zügigen Schrittes abwärts pilgern kann. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich diesen Weg gewählt habe. Der Weg selbst, das Kloster, die wundervolle Schöpfung der Natur, dafür bin ich gerade sehr dankbar.

Im 4 km entfernten Ceselli ersehne ich eine Bar, erkenne jedoch keine und stimme mich missmutig darauf ein bis ins nächstgelegene Macenano weiterzupilgern. Am Ortsausgang sehe ich einen Mann in meinem Alter. Mit freiem Oberkörper fährt er gerade die Mülltonne raus. Im nächsten Augenblick lese ich auf einem Schild an seinem Zaun „Panini-Birra-Caffee“. Die Veranda ist überdacht und schaut einladend aus. Ich frage den Mann nach Getränken und er winkt mich in sein Haus. Drinnen entpuppt es sich als der lokale Feinkostladen. In der geräumigen Kühltheke sehe ich Käse, Schinken, Salami, Cola und Bier. Ich kaufe nur die Getränke und setze mich zum Verzehr auf die Veranda. Ich werde müde. Da mir angeboten wurde auf der Terrasse zu entspannen, gönne ich mir ein Mittagsschläfchen.

Ein sanftes Trommeln weckt mich. Es regnet. Halleluja, denke ich und freue mich, dass ich genau in diesem Moment hier bin. Irgendwie fügt sich alles. Der Regen wird stärker. Richtig dicke Tropfen hämmern auf den Asphalt. Die Luft kühlt merklich ab und ich genieße meinen trockenen Platz unter der Veranda. Der Regen lässt nach, hört schließlich auf und es bilden sich dünne Nebelschwaden auf dem Asphalt. „Smoke on the Road here“ Damm-Damm-Daaaa-Damm-Damm-Da-Daaaa.

Ich pilgere die Asphaltstraße weiter bergab und gelange zum Fluss Nera, die mit ordentlicher Fließgeschwindigkeit durchs weite Tal mäandert. Ich pilgere zügig auf dem bestens markierten Wanderweg. Eine Stelle des Weges ist aufgrund eines Erdrutsches unterbrochen. Ich folge der markierten Umleitung. Der Weg verläuft überwiegend bergab und ich freue mich über mein zügiges vorankommen. Weniger freue ich mich als ich die dunkelgraue Farbe des Himmels über Ferentillo erblicke.

Regenpause in Ferentillo

Gerne wäre ich bis Marmore gekommen, aber aufgrund dessen was da gleich kommen könnte ändere ich kurzerhand meinen Plan. Ich mag mich gerade nicht durch Regen quälen. Im lokalen Supermarkt versorge ich mich genau den Produkten bei welchen mein Körper signalisiert, dass er sie haben mag. So landen zwei Kiwi, eine Tomate, 150g Pecorino, ein Bier und ein Eiweißdrink in meinem Einkaufswagen. Zugegeben, bei dem Eiweißdrink, hat mein Gehirn ein bisschen unterstützt, weil ich eben denke, dass ich außer ein paar Vitaminen auch paar Eiweiße brauche, damit mein Körper die Muskeln aufbauen kann, die er braucht, um die Strecke bis Rom zu bewältigen.

Ich verlasse den Supermarkt und kurz darauf beginnt es in Strömen zu schütten und zu hageln. In einem Treppenhaus finde ich Schutz und vertilge erstmal die Tomate, die Kiwis und den Eiweißdrink. Danach mache ich bei nachlassendem Regen einen Rundgang durch das kleine Dörfchen und habe schon eine regensichere Übernachtungsmöglichkeit ausgekundschaftet.

Beruhigt gehe ich in eine Pizzeria, wo ich den einzigen freien Tisch zugewiesen bekomme und trinke ein Bier. Ich bin neugierig wo die beiden Saarländer stecken und rufe an. Sie liefen nur bis Ceselli, wo ich heute die Mittagspause verbrachte, also gut 10 km hinter mir. Vielleicht begegnen wir uns morgen nochmal, falls die beiden morgen gut vorankommen.

Mehr und mehr Italiener, kommen zu mir an den Tisch. Nachdem der Pizzabäcker seinen Ofen abgeschaltet hatte setzt er sich mit einer Flasche Bier dazu. Er schenkt mir einen Schluck aus seiner Bierflasche in mein Glas und wir kommen ins Gespräch. Er mag wissen wo ich herkomme, wo ich hinwill und ich beantworte bereitwillig seine Fragen. Das übliche halt: ich komme aus Deutschland, startete in Florenz, will nach Rom und ja! Alles zu Fuß. Auch die anderen am Tisch schalten sich in das Gespräch ein. Einer war als LKW Fahrer auch schon in Deutschland unterwegs und musste für Falsch-Pinkeln €50 berappen.

Der Fernseher wird eingeschaltet. Es läuft Fussball und draußen regnet es noch immer. Der Chef fragt, wo ich die Nacht verbringen wolle. Ich sage, dass ich noch keine Idee habe, aber zuversichtlich bin einen Platz zu finden. Daraufhin bietet er mir an in seinem Laden zu übernachten, wenn ich ihm verspreche, dass ich nicht alle Schnapsflaschen leere. Auf diesen Deal kannich mich gut einlassen. Nach der ersten Halbzeit des Championsleague Finales zwischen Real Madrid und Liverpool, gehen alle Gäste nach Hause. Der Chef löscht alle Lichter und bittet mich nur noch den Fernseher auszuschalten bevor ich Schlafen gehe. Danach schließt er mich in der Pizzeria ein. Real Madrid gewinnt mit einem Tor und ich gehe Schlafen. Ich versuche es zumindest. Und irgendwann gewinnt meine Müdigkeit gegen das Brummen der Kühlaggregate.

Trotz der qualvollen Entscheidung der Streckenwahl, trotz des qualvollen Aufstiegs nach Monteluca bin ich zufrieden über den Tagesverlauf und die gesammelten Eindrücke, die mir ohne alle Qualen verwehrt gewesen wären.

Pace e Bene.

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