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Rückblick.

Piediluco

Ich wache um viertel vor sechs durch das sanfte Summen meines Weckers auf. Schließlich will ich alles gepackt haben, wenn der Chef den Laden aufschließt. Kurz nach 6 Uhr war es soweit. Er öffnet die Türen und startet sein Geschäft. Ich trinke noch einen Cappuccino und frühstücke einen großen Keks. Als ich bezahlen möchte sagte er mir es wäre nichts offen. Weder von gestern Abend noch von heute. Schließlich sei ich Pilger! Ich danke ihm herzlich und verabschiede mich. Sein Angebot mich irgendwo hinzufahren lehne ich dankend ab.

Es ist noch recht frisch am Morgen und der Himmel ist Wolkenverhangen. ich starte mit frischer Energie und komme zügig voran. Der Wetterbericht sagt erst ab nachmittags Regenschauer voraus. Doch kurz vor Arrone kommen zuerst kleine Tropfen und dann immer dickere. Ich setzte meinen Rucksack ab, fummele meine Regenjacke aus dem Rucksack, ziehe mir die Jacke an und dem Rucksack die Schutzhülle über. So hatte ich meine Regenjacke zumindest nicht umsonst eingepackt. Auch wenn der Regen bereits nach kurzer Zeit wieder aufhörte, war der Himmel noch immer wolkenverhangen. Mit gewisser Skepsis lief ich mit der Regenjacke immer weiter im Tal der Nera.

Ein großer deutscher Politiker sagte mal wörtlich „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Aus aktuellem Anlass mag ich ergänzen, dass es auch entscheidend ist, wann es hinten rauskommt. Entsorgung gehört ja zum täglichen Leben dazu. Und ich hätte mich sicherlich noch in der Pizzeria darum kümmern können. Tat ich jedoch nicht, da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht so sehr pressierte als dass ich mich mit den hygienischen Bedingungen auf der Toilette hätte anfreunden können.

Gut und jetzt bin ich hier irgendwo auf dem Nera-Uferweg und spüre einen gewissen Druck, gepaart mit einer Unsicherheit wie lange mein Schließmuskel diesem inneren Druck noch standhalten kann. Erst versuche ich es meditativ und rede mir zu, dass es bei den Wasserfällen bestimmt eine Toilette geben wird, die meinen Ansprüchen angemessen ist. Doch der innere Druck wurde stärker und es wäre noch eine gute Stunde zu laufen. Also beginne ich nach einem geeigneten Ort Ausschau zu halten.

Direkt am Wegesrand kommt für mich nicht in Frage, denn auf der linken Seite des Weges befinden sich eingezäunte Grundstücke und auf der rechten Seite die Nera. Mit steigendem Druck wurde ich zusehends anspruchsloser. Links zweigt ein Weg in ein Wäldchen ab und ich erkenne es als bislang günstigste Gelegenheit. Ich stapfe durch das kniehohe Gras zu einem Bäumchen, stelle meinen Rucksack ins nasse Gras und kümmere mich um die Entsorgung. Da ich nicht gleichzeitig Oberschenkelmuskel anspannen und Schließmuskel entspannen kann, stütze ich mich mit der linken Hand hinter meinem Rücken an dem Bäumchen ab. Diese Technik bewährte sich bereits auf meiner letzten Pilgerreise, so dass ich sie in Notsituationen immer wieder gerne anwende.

Ganz abgesehen von meiner Hinterlassenschaft, was ist denn im Rückblick bisher meiner Pilgerreise rausgekommen? Es ist mal wieder Zeit zu reflektieren was ich mir vorgenommen hatte, was ich davon umgesetzt habe und was ich vielleicht auch anders machen würde. Ursprünglich hatte ich geplant, überwiegend in meiner Hängematte zu übernachten, ich wollte möglichst unabhängig und autonom sein. Bereits in den ersten Tagen ist mir klar geworden, dass ich auch meine Italienischkenntnisse im Kontakt zur Bevölkerung anwenden möchte. Das funktioniert natürlich nicht, wenn ich alleine mitten im Wald in meiner Hängematte hänge. Ich wollte eigentlich auch möglichst wenig Kontakt zu anderen Pilgern, sondern alleine in Ruhe mein Ding machen. Aber ich habe einige Pilger kennengelernt und schätze die Gemeinschaft und den Austausch.

Eigentlich wollte ich tagsüber nur Wasser trinken, was in den ersten Tagen auch geklappt hat. Dann begann mir jedoch das Feierabendbier am Zielort wieder zu schmecken und ich trinke zunehmend gerne ein Bier zur Belohnung und um einfach mal einen anderen Geschmack als Leitungswasser zu bekommen. Zumindest trinke ich nicht um zu vergessen, zu entspannen oder zu verdrängen. Dafür genieße ich es einfach zu sehr hier auf dem Pilgerweg zu sein, als dass ich meine Wahrnehmung dafür trüben müsste.

Gegen 9 Uhr komme ich an der Cascate delle Marmore. Es sind künstlich angelegte Wasserfälle mit 165 Meter Gefälle. Ich freue mich, dass ich als Pilger mit meinem Pilgerausweis den Eintritt gratis erhalte, anstelle 10€ zu bezahlen. Ich laufe durch die Anlage, bin jedoch leider für die spektakuläre Öffnung der Wassersperren zu früh und sehe leider nur ein recht dünnes Rinnsal. Zumindest im Vergleich zu den Niagarafällen.

Dennoch faszinieren mich Wasserfälle immer wieder. Einerseits die Energie des Wassers hinabstürzenden Wassers wahrzunehmen und die Form des Wasserstrahls zu betrachten, der nie gleich ist. Andererseits bringt es mich in Verbindung mit Jugendabenteuern, Karl-May-Filmen und African Queen mit Humphrey Bogart. Ich wuchte mich und meinen Rucksack ganz abenteuerlich über die 600 Stufen nach Marmore, wo ich das Gelände der Wasserfälle wieder verlasse und am beschaulichen Fluss Velino entlang pilgere. Der Velino weitet sich und gibt sich als Ablauf des Lago di Piediluco zu erkennen. Noch eine kleine Steigung ist zu bewältigen und schon bin ich in Piediluco am gleichnamigen Lago.

Ein herrlicher See, mit einigen Seitenarmen, so dass er mich an der Edersee erinnert. In einer Bar an der Uferpromenade genieße ich nach 22km Pilgerweg mein erstes Willkommensbier, bevor ich die Herberge, das „Casa del Pellegrino“ aufsuche. Ich bin der einzige Gast. Nach einem kurzen Nickerchen, was aufgrund der kurzen Nacht zwingend nötig war, kümmere ich mich um Körper- und Kleiderpflege. Anschließend mache ich mich zu einem Stadtrundgang auf und treffe die Saarländer, die inzwischen die 10 km aufgeholt hatten und auch die Nacht in der Herberge verbringen. Am Abend verabreden wir uns zum gemeinsamen Essen.

Le Liberta (Guilio Turcato) in Piediluco

Piediluco ist ein pittoreskes Örtchen, das malerisch am See gelegen ist. Allein der Anblick trägt zu meiner Entspannung bei. Das es nicht nur mir alleine so geht mag die Anzahl der Touristen erklären, die sich hier im Ort aufhalten. Der heilige Franz verweilte hier wohl öfter. Der Legende nach wurde dem heilgen Franz hier ein Fisch angeboten. Anstelle des Fisch zu essen, nahm er ihn und setzte ihn mit einem Gebet wieder ins Wasser zurück. Als Dank verweilte der Fisch so lange neben Franz bis dieser mit seinem Gebet fertig war und ihn aufforderte wegzuschwimmen. Vielleicht war Franz aufgrund seiner Tierliebe bereits einer der ersten Veganer.

Ach so, wie es mir geht? An meinen Füße ist wie zu Beginn nur über meinem kleinen, rechten Zeh eine kleine Blase. Die Muskeln schwächeln von Zeit zu Zeit, mein Rücken schmerzt immer noch leicht im Bereich der Brustwirbelsäule und mein linkes Knie zwickt ein wenig. Mental geht es mir hervorragend, ich fühle mich mit der Natur und meiner Mitwelt verbunden und ich bin dankbar, für alles was auf diesem Weg geschieht. Mein Heimweh hält sich ebenfalls im Rahmen, da ich auch ohne direkten Kontakt in sicherer, unsichtbarer Verbindung bin.

Ich entspanne und genieße den restlichen Sonntag in Frieden und Gesundheit. Pace e Bene.

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