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Treiben.

Rieti Mittelpunkt

Direkt neben meinem Schlafraum liegt die Küche und dort ist bereits in frühen Morgenstunden ein geschäftiges Treiben. Die Kroaten frühstücken, bereiten ihre Vesper für den Tag vor und gehen noch vor 7 Uhr ihrer Wege. An Schlafen kann ich nicht mehr denken und stehe auf.

Im Kühlschrank finde ich Joghurt, den andere Pilger dort zurückgelassen hatten. Eine Kroatin, die heute den Fahrdienst übernimmt, verbleibt noch in der Herberge. Sie hat es nicht eilig. Ich danke ihr nochmals für die Einladung zum Essen, verabschiede mich und ziehe meines Weges. In mir breitet sich ein unbeschreibliches Glücksgefühl aus und ich spüre an der Spannung meiner Wangenmuskulatur ein breites Grinsen als ich an die komplette Situation von gestern Abend denke: die Fügung, die Hilfsbereitschaft, die Gastfreundschaft, die warmherzige Verbindung zu Menschen, die mir eigentlich fremd sind. Das überwältigt mich gerade jetzt im Moment.

Auf recht leichten Wegen geht es überwiegend bergab in Richtung Rieti. Ich passiere Santuario La Foresta, einem Ort wo Franz vor seiner „Augenoperation“ verweilte und durch seine Fürsprache die Qualität des angebauten Weines deutlich verbesserte. Nach 5km auf reinen Asphaltstraßen erreiche ich Rieti. Ich laufe noch ca. 30 Minuten bis ich die Stadtmauer erreiche. Rieti hat knapp 50.000 Einwohner und ich spüre, dass mich die Größe dieser Stadt in meinem in mich gekehrten Prozess unterbricht.

Rieti Mittelpunkt Italiens

„Heute stehe ich einmal im Mittelpunkt von ganz Italien“ denke ich bei mir, als ich mich am Piazza San Rufo auf die Mittelpunkt-Marke Italiens stelle. Danach irre ich durch das Straßengeflecht. Laufe an San Francesco vorbei und gelange schließlich zum Domplatz. Dort trinke ich in der Bar einen Cappuccino und genieße ein Teilchen mit Schokocreme. Obwohl es das erste Haus am Platz zu sein scheint, zahle ich für beides gerade mal 3€. Das ist echt seeinen Preis wert. Danach besichtige ich noch den Dom und verlasse Rieti, da mir weniger nach Besichtigung und mehr nach Ruhe und Einkehr ist.

Meine beiden Reiseführer sind unterschiedlicher Meinung über meinen weiteren Reiseverlauf. Der eine schlägt den direkten Weg nach Rom vor, empfiehlt jedoch Greccio unbedingt zu besichtigen und mit dem Zug nach Rieti zurückzufahren. Der andere schlägt eine Route über Greccio vor, die mich jedoch fast dorthin zurückführt wo ich vor Tagen fast war. Nämlich in die Nähe von Piediluco. Ich entscheide keinem der beiden Führer zu folgen, sondern rein auf die blau-gelbe Wegemarkierung zu vertrauen.

Über die Via Roma, die es scheinbar in jedem italienischen Dorf zu geben scheint, verlasse ich Rieti und überquere den Fluss Velino, der mir sei Marmore bekannt ist. Am Flussufer laufe ich weiter und weiter, bis irgendwann ein Weg in die Stille des Waldes abzweigt. Mal mehr mal weniger steil steigt der Weg an und ich erreiche das Kloster Fontecolombo, das scheinbar als franziskanischer Sinai bezeichnet wird, denn hier verfasste Franz im Jahre 1223 die Ordensregeln in der Stille einer Höhle. Als ich vor dieser Höhle stehe, spüre ich wie mein Herz deutlich intensiver schlägt. Innerlich bewegt, bewege ich mich wieder zurück zum Kloster, wo einer Schulklasse gerade ein paar Verhaltensregeln nahegelegt werden.

Grafitti in Sant’Elia

Ich pilgere weiter nach über unmissverständlich beschildere Wege nach Sant‘Elia, wo sich meine Hoffnung auf eine Bar oder einen kleinen Laden zügig auflöst. Es gibt dort einfach nichts. Außer einer Geschichte vom heiligen Franz, die mir ein älterer Italiener erzählte. Damals ging nämlich die Rindergrippe um und die infizierten Kühe starben nach kürzester Zeit.

Da hatte einer aus dem Dorf die Idee Franz einzuschalten. Sie gingen zu ihm und Franz nahm das Wasser aus der Quelle von Fontecolombo, füllte es in einen Trog und wusch sich die Hände und die Füße mit eben diesem Wasser. Dann wies er an man solle mit diesem Wasser die Kühe beträufeln. Siehe da, die kranken Rinder wurden wieder gesund. Wenn ich aktuell meine Wanderschuhe und Socken so betrachte und hätte gleiches getan, wäre das eher aktive Sterbehilfe gewesen.

Ich mache Mittagspause, esse meine Birne, ein wenig Käse, Salami und ein wenig Brot. Dann ruhe ich mich kurz aus und pilgere weiter. Der Weg verläuft auf auf einer Höhenlinie und bietet einen wundervollen Blick über die Ebene, wo ich die Orte der vergangen Tage entdecken kann. Ich bin entspannt und immer noch froher Laune, obwohl mir die Hitze ein wenig zu schaffen macht. Unten im Tal angelangt führt der markierte Weg eben auf der Provinzstraße entlang. An einer Kreuzung wird er auf Nebenstraßen geführt die zum Teil steil ansteigen.

Nach über 20 km Wegstrecke kostet es mich mit jedem Meter den ich an Höhe überwinden muss mehr Kraft. Der Schweiß tropft mir von der Stirn auf meine Brillengläser, so dass ich kaum noch etwas sehen kann. Es scheinen sich auch immer mehr Mücken für meine abgesonderten Wasservorräte zu interessieren. Ich erreiche endlich Contigliano und stehe vor der Pfarrkirche San Michele Arcangelo. Zu einer Besichtigung kann ich mich nicht aufraffen, da ich dazu noch weiter Stufen überwinden müsste. Auf jeden Fall benötige ich ein wenig Erfrischung und hoffe ich werde im unten im Tal liegenden Zentrum in einer Bar fündig. Ich habe Glück und lasse ich mich erstmal in einer Bar nieder.

Jetzt mache ich mich weiter auf nach Greccio, um meine Wegstrecke morgen zu verkürzen. Rom müsste ich nun in höchstens sechs weiteren Etappen erreichen. Zunächst geht es gemütlich ohne nennenswerte Steigungen in Richtung Greccio. Die Strecke ist wieder hervorragend ausgezeichnet. Ich freue mich, dass ich die Pause gemacht habe, denn die Temperaturen scheinen wieder unter 30 Grad gefallen zu sein. Außerdem ist der Weg recht schattig und es weht ein frischer Wind. Nach 3 Kilometer geht es nochmal ans Eingemachte. Der Weg steigt steil an, mündet auf einmal in einen Trampelpfad und ich werde von irgendwelchen Insekten attackiert. So komme ich wenigstens nicht auf die Idee stehen zu bleiben und zu pausieren, denn dann wäre es garantiert geschehen und ich könnte mich vor Einstichen nicht mehr retten.

Es geht eine gefühlte Ewigkeit bergauf. Gelegentlich gibt es kleine lichte Stellen im dichten Bewuchs, welche den Blick auf die Ebene freigeben. Aber da habe ich gerade kein Blick dafür. Ich kämpfe um jeden Schritt, dass ich endlich oben ankomme. Der Weg wird zum Trampelpfad und dornige und andere Gewächse erschweren mein Fortkommen. Endlich erreiche ich eine Asphaltstraße und folge ihr bis zum Ortseingangsschild von Greccio, der Partnerstadt von Bethlehem. Hier hat kein geringerer als der heilige Franz im Jahre 1223 die erste Krippendarstellung initiiert.

Ich dachte eigentlich, dass Sanktuario di San Francesco liegt direkt in Greccio. Doch als ich den Ort betrete wird mir klar, dass das Sanktuario noch weitere 2.5 Kilometer hinter Greccio liegt. Meine Idee war ja im Kloster selbst zu übernachten. Also laufe ich durch Greccio durch ohne wirklich in Ruhe die Schönheit des Ortes zu genießen. Am Ortsausgang fand ich einen Wegweiser zum Saktuario di Greccio. Mein Instinkt sagt mir laufe die Straße entlang, aber mein Gehirn mag der Verlockung eines Wegweisers folgen, der anzeigt, dass es auf diesem Weg „nur“ 45 MInuten bis zum Ziel seien. Also ließ ich mich verführen.

Der Weg führt über Schotter recht steil bergab und ich wundere mich, da ich das Zeil auf gleicher Höhe gesehen hatte. Es ging weiter bergab, auch mit meiner Konzentration. Und schon war es geschehen. Ich trete auf einen Stein und rutschte mit dem rechten Fuß wie in Zeitlupe zu Boden. Jetzt war mir auch kein Fluch mehr zu schade für diesen Weg. Ich folge dem weiteren Verlauf und es kommen in unregelmäßigen Abständen Wegweiser, welche die Entfernung immer 5 Minutenweise herunterzählen. Fast am tiefsten Punkt erreiche ich eine Kreuzung mehrerer Wege. Und dort sah ich nur noch eins: eine Baustelle und keinen weiteren Wegweiser. Ich war dermaßen sauer! Sauer auf die Leute die nicht in der Lage sind hier eine ordentliche Beschilderung vorzunehmen und sauer auf mich, weil ich mich habe verlocken lassen.

Gleichzeitig hat diese Wut, die jetzt gerade in mir steckt eine Wahnsinns Energie freigesetzt, so dass ich den nächstgelegenen Schotterweg unfassbar schnell hochgelaufen kann. Da kommt mir die Energie die in der Wut steckt direkt einmal zu gute. Als ich wieder auf der Straße angekommen bin, erreiche ich das Kloster zu spät. Zumindest so spät, dass ich den Schlüssel für die Pilgerbetten nicht mehr abholen kann. So werde ich mir es die Nacht mal wieder im Freien gemütlich machen. Den Platz dafür habe ich schon gefunden. Ach so, welche Gedanken ich mir über meine inneren Antrieb gemacht habe, das werde ich noch nachtragen. Aber heute nicht mehr.

Pace e Bene.

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